Mit etwas Verspätung entdeckte ich auf dem Blog von Heidi (hier geht’s zum Eintrag) einen Beitrag zu einem deutschen Sachcomic, der sich um die „Misere“ im Milchmarkt dreht. Der stimmige Titel: „Mensch. Macht. Milch. Wie Konzerne unsere bäuerliche Landwirtschaft verpulvern.“
Die sechzehn Seiten starke Publikation wurde von Germanwatch e.V. und der AbL, Arbeitsgemeinschaft für eine bäuerliche Landwirtschaft e.V., herausgegeben und mit Geldern vom deutschen Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung kofinanziert und bereits im Dezember 2015 herausgegeben. Der Inhalt ist für den aufmerksamen Beobachter altbekannt und offeriert neben den bekannten Positionen keine neuen Erkenntnisse. Ausser vielleicht dieser: Im System betrachtet ist der einzelne Milchbauer Machtlos den Marktkräften ausgeliefert. Und diese Marktkräfte werden von der Politik so gelenkt, dass sie nicht den Bauern oder den Konsumenten dienen, sondern den Konzernen, ihren Geldgebern und letztlich den politischen und wirtschaftlichen Eliten des Landes.

Liest man den Comic, wähnt man sich als Beobachter in einem Krieg zwischen Gut und Böse. Die „Guten“ sind die bäuerlichen Familienbetriebe, die „Bösen“ die übermächtigen Molkereien und Milchverarbeiter, die mit den Bauernverbänden unter einer Decke stecken. Die Bösen würden dafür sorgen, dass die Bauern immer mehr Milch produzieren würden, während die Guten quasi im eigenen Milchsee ertrinken, weil sie keine Möglichkeit hätten, den Marktkräften aus dem Weg zu gehen. Stattdessen würden die Preise immer weiter sinken, die Konkurrenz zunehmen und die Milchbauern immer stärker in die landwirtschaftliche Tretmühle gedrängt. Die Bösen würden alles daran setzen, Exportfähig zu werden. Sie wollen auf den Weltmärkten bestehen und Marktanteile gewinnen können. Das ist etwas, was die Guten nicht nachvollziehen wollen oder können. Sie wollen einfach gute Milch produzieren und diese zu einem fairen Preis verkaufen können. „Export“ macht ihnen nicht gerade Angst. Aber es sorgt für Unbehagen.
Die Lösung dieser „Krise“ sehen die Autoren des Comic, und mit ihnen viele Bauern und manche Konsumenten, in einer präventiven Mengensteuerung. Der Staat soll die nötigen Rahmenbedingungen schaffen, damit Milchproduktion und Milchnachfrage im Gleichgewicht bleiben kann. Mit der Mengensteuerung würde nach Ansicht der Autoren auch der Milchpreis stabil und – wenn auch nur implizit erwähnt – höher sein. Damit könnte der Staat dafür sorgen, dass die bäuerlichen Familienbetriebe erhalten bleiben.
Das Problem dieser Analyse ist nicht, dass sie grundsätzlich falsch oder irreführend ist. Die Exportorientierung der europäischen Nahrungsmittelindustrie treibt tatsächlich Blüten, die für viele Bauern und Konsumenten schwer nachvollziehbar und auch schädlich für Drittländer sein können. Das eigentliche Problem von dieser und tausender anderer Analysen ist aber ein anderes: Sie überfordern die Menschen. Sie überfordern Politiker genauso wie Konsumenten und Bauern. Sie überfordern den Normalverbraucher und laden ihn überdies noch ein, dem „Schweinesystem“ nicht zu trauen. Schlimmer noch: Dem System die Schuld an der eigenen Situation zu geben. Und das gilt sowohl für Bauern als auch für Konsumenten. Und es gilt sogar für die Molkereien und die mächtigen Bauernverbände in Deutschland und in der Schweiz. Sie alle können mit Wonne dem System die „Schuld“ in die Schuhe schieben und die eigene Verantwortung delegieren.
Nur: dieses System wird auch von Menschen gestaltet. Das System wird von uns allen gestaltet, indem wir es nutzen. Wir sind damit nicht ganz so machtlos, wie wir meinen. Aber wir müssen akzeptieren, dass es viele andere Menschen gibt, die diesem System vertrauen. Die davon überzeugt sind, dass es funktioniert und die beste, bequemste und günstigste aller Alternativen ist. Es ist, entgegen den in den Medien und den Diskussionen gerne genutzten Feindbilder, nicht ein Kampf zwischen den „Guten Milchbauern“ und den „Bösen Molkereien“. Sondern es ist eigentlich eine Auseinandersetzung zwischen Menschen mit unterschiedlichen Zielen, Werten und Perspektiven. Die Aufteilung in „Gut“ und „Böse“ ist da zwar durchaus legitim, aber sie verhindert den wirklichen Dialog. Und sie verhindert damit auch wirklich tragfähige Lösungen, die auch die unterschiedlichen Perspektiven, Werte und Ideale berücksichtigen kann. Bis jetzt hat sich deshalb nur ein Wert wirklich durchgesetzt: Derjenige der Marktwirtschaft.
Das Titelbild habe ich hier gefunden: www.visionair.nl
Jeder Mensch kann sein Leben gestalten. Das gilt für die Konsumenten und Konsumentinnen wie auch für die Milchproduzenten. Die Konsumenten können ihre Einkaufsgewohnheiten sehr rasch ändern. Beim Milchproduzenten dauert’s halt ein bisschen länger und die Folgen einer Betriebsumstellung wiegen halt schwerer und kosten mehr. Wenn der Milchpreis dauerhaft zu tief ist, kann der Milchproduzent weiter auf bessere Preise hoffen oder er kann den Betrieb verändern. Die Veränderungen kosten halt viel Geld oder viel Geld geht verloren, ausser wenn sowieso in der Milchwirtschaft Ersatz-Investitionen anstehen. Der Milchproduzent kann auch seine Zukunft gestalten und ist folglich nicht wehrlos irgend einem System ausgeliefert. Im schlimmsten Fall könnte er einfach seinen Betrieb auf dem freien Markt verkaufen und sich dem angeblich schöneren Leben als Nichtbauer erfreuen. Nur müsste er dazu einen ganzen Haufen Traditionen und eventuell auch innere Überzeugungen auf den Müllhaufen werfen.