Kisoro liegt am südwestlichen Zipfel Ugandas, die Grenze zur Demokratischen Republik Kongo ist nur einen Steinwurf vom Stadtzentrum entfernt. Und auch die Grenze zum südlicher gelegenen Ruanda ist nahe. Das Gebiet ist berühmt für die Silberrückengorillas, die in den bewaldeten Bergen rund um Kisoro zu Hause sind. Und es sind diese Berge, die viele Reisende an die Schweiz erinnern würden, wie John Bavuga, ein Geschichts- und Englischlehrer im Ruhestand, auf der Veranda seines Hauses am Stadtrand von Kisoro erzählt.

John Bavuga war nicht nur Lehrer, sondern er ist auch Landwirt, Bauer. „Kümmert man sich nicht um Familie und Acker, wird man es im Alter schwer haben“, sagt er. In Uganda gibt es so etwas wie Altersheime nämlich nicht. Die einzige Vorsorge, die John bleibt, ist seine Familie, sein Garten und seine fünf Rindviecher – zwei Kälber, drei Ochsen und drei Milchkühe. John, der mich über seinen Stock gebeugt durch seinen Garten hinter dem herrschaftlichen Haus führt ist ein Subsistence-Farmer, wie es auf Englisch genannt wird; ein Selbstversorger. Im Schatten eines Avocado-Baums zeigt er auf die Bananenbäume, die Kaffeesträucher, den Mais und die Bohnen, die er für sich und seine Familie anbaut – besser gesagt lässt er die insgesamt 15 Acres, gut sechs Hektaren, von seinen Arbeitern bebauen. Ein gutes Stück Land sei das, wie er sagt. Grinsend fügt er an: „das heisst auch, dass ich hier nicht zu den Ärmsten gehöre.“ Das herrschaftliche Haus und die Veranda sind gut in Schuss gehalten. Der Rasen im Innenhof und auch in der Zufahrt, vor dem braunroten Metalltor, akkurat gestutzt. Auf der linken Seite wächst der Kohl in sauberen Reihen in den Beeten, die Blätter der Bananenbäume spenden etwas Schatten; die Kletterbohnen dahinter bilden einen zwei Meter hohen Wall aus Blättern und verdecken die Sicht auf die holprige Zufahrtsstrasse. „In den letzten dreissig Jahren haben wir immer mehr begonnen, wissenschaftlich geprüfte Methoden im Anbau zu verwenden“, erklärt John. Das heisst: Den Kohl in Reihen anpflanzen, die Beete düngen, Unkraut jäten. „Wir haben gelernt, dass der wissenschaftliche Weg viel einträglicher ist“, grinst John. Und das ist für sein Einkommen wichtig. Denn es sind die Überschüsse aus dem Garten, die er auf dem Markt in der Stadt verkaufen kann. Das eigentliche Ziel des Gartens ist aber die Selbstversorgung. „Wir müssen hart arbeiten, damit wir hier überleben können“, sagt John. Er beschäftigt deshalb mehrere Arbeiter – junge Männer aus dem Dorf, die gemeinsam mit ihm und seiner Frau nach den Tieren und den Feldern schauen.

Hinter dem Haus hält John seine Rinder in einfachen mit Holzlatten und Stacheldraht umzäunten Paddocks. Die drei Milchkühe liegen widerkäuend am Rand ihrer Weide und lassen sich von der Morgensonne bescheinen, während die Kälber und Ochsen ihre Köpfe neugierig nach den Besuchern strecken, um dann wieder den Kopf in die hölzerne Futterkrippe zu stecken – die Kühe fressen Schilf und Gras. John geht an ihnen Vorbei und deutet auf die Milchkühe. „Eine von ihnen hat noch nicht gekalbt, die anderen zwei geben je zehn bis fünfzehn Liter pro Tag“, sagt er über die Holstein-Kühe. „Die lokalen Rassen hingegen geben nicht mehr als zwei Liter Milch. Und diese Differenz macht für mich einen grossen Unterschied.“ Denn während er für seine Familie im Schnitt etwa zwei Liter Milch pro Tag benötigt, kann er die übrige Milch für 1000 Uganda-Schilling (etwa 25 Rappen) an die umliegenden Bewohner in Kisoro verkaufen und sich ein kleines Zusatzeinkommen erwirtschaften. „Es gibt jeden Tag einen kleinen Überschuss“, meint er grinsend. Und so werden die Holsteinkühe jeden Morgen und jeden Abend im Melkstand, einem Bretterverschlag neben der Weide, von Hand gemolken. Jeden Tag wird etwas Milch verkauft und jeden Tag kann John damit etwas Geld verdienen.

Auch John Sebutuyuyu hat dank dem Geld seiner zwei Holsteinkühe profitiert. „Ich konnte dank den Kühen mein Studium finanzieren“, sagt er am gleichen Abend, als wir in einer Bar bei einem Bier auf das Nachtessen warten. Der vierzigjährige hat fünf Kinder und ist seit 2002 verheiratet. 2014 hat er sein Bachelordiplom in Public Administration entgegengenommen. Die Milchkühe finanzieren jetzt die Schulgebühren seiner ältesten Tochter. John, der einen Teil seiner Arbeitszeit in den Büros der örtlichen Sekundarschule verbringt, ist ein Teilzeitbauer. Dank seinem Abschluss kann er als Buchhalter arbeiten. Daneben träumt er davon, seine Milchkuhherde zu vergrössern und die Produktion auszudehnen. Doch davon später mehr.

Am nächsten Morgen treffen wir an der Tankstelle im Dorfzentrum John Hatega, einen „Agricultural Officer“, was wohl einem kantonalen Angestellten in einem Landwirtschaftsamt entspricht. Nach einem kurzen Wortwechsel fahren wir los. Diesmal geht es aber über die gute Teerstrasse in Richtung Kampala. Es geht vorbei an Baracken und kleinen Läden, an Häusern aus dem Stadtzentrum hinaus, wir überqueren die Landebahn des kleinen Flughafens von Kisoro. Nur wenig Meter dahinter weist John den Fahrer an, nach links abzubiegen. Wir sind auf dem Weg zu Florence Nkuranga. Sie ist Bäuerin und Parlamentsmitglied im District-Council, was etwa einem Kantonsrat gleichgestellt werden kann.

An diesem kühlen Morgen liegt das grosse Wohnzimmer mit den zwei Sofagruppen im Dunkeln. Florence hat die Vorhänge gezogen und sitzt in ihrem Traditionellen Sari und einer blauen Fleecejacke auf ihrem Sofa. Das Haar in einem orangen Kopftuch eingepackt, lehnt sie ihren Kopf an die Lehne des Sofas. Sie wirkt müde und hört sich meine Fragen halb gelangweilt halb interessiert an. Mehrmals klingelt ihr Telefon; zweimal beginnt Florence noch während sie auf eine meiner Fragen Antwort gibt, mit einem Telefongespräch.

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Florence Nkuranga sitzt im Parlament des Distrikts Kisoro und setzt auf multifunktionale Landwirtschaft. Im Garten hinter ihrem Haus wird klar, was sie damit meint: Den gleichzeitigen Anbau von Tomaten, Bohnen, Bananen und Kürbissen.

Das Gespräch beginnt entsprechend schleppend. Mechanisch spult sie die ersten Antworten runter. Sie baue Früchte, grüne Paprika, Bohnen, Mais, Zwiebeln, Kartoffeln, Kletterbohnen, Bananen und Äpfel an. Daneben halte sie Milchkühe, Kaninchen, Schweine und ein paar Hühner. John hat mir noch vor dem Besuch gesagt, dass Florence zu den progressiven Bauern in der Gegend gehört. Irritiert von der gefühlt desinteressierten Haltung meines Gegenübers will ich wissen, wie der Anbau erfolge. Eine Frage, die normalerweise zu einer Öffnung der Diskussion und einer entsprechenden Entspannung führt. Die einfache Antwort von Florence lässt auch diesen Ansatz meiner Gesprächsführung verpuffen: „Für uns ist es Versuch und Irrtum. Wir bauen an und sehen, was wir ernten und was wir verkaufen können.“

Das heisse auch, dass sie schon früh gelernt habe, ihre Produktion der Marktnachfrage anzupassen. „Wenn ich das nicht mache, gehe ich irgendwann vergessen“, sagt sie. Nun produziert sie Eier und Hühnerfleisch, Früchte, Milch und Schweinefleisch. „Das mögen die Leute und entsprechend gut lässt es sich verkaufen“, kommentiert Florence. Dass sich Schweinefleisch gut verkauft, liegt an der grossmehrheitlich christlichen Gesellschaft. Dass sich Milch, Eier und Fleisch insgesamt besser verkaufen, liegt an einer sehr langsam wachsenden Mittelschicht, die sich besseres Essen leisten kann und will.

John sagt über Florence, dass sie eine Pionierin sei. Eine wichtige Anlaufstelle, um neue Technologien für die flächendeckende Einführung testen zu können. Florence wehrt das Kompliment ab und sagt nur: «Ich bin ein neugieriger Mensch. Und ich bin motiviert, weil mit den neuen Technologien meine Arbeit einfacher und erst noch profitabler wird», sagt sie. Eine dieser Technologien ist Zero Grazing, das Halten von Kühen ohne genügend Weideland. John Sebuntuyuyu hat zu diesem Thema eine Forschungsarbeit geschrieben, die er mir später noch zur Verfügung stellt.

Dass Florence im Gegensatz zu ihren Kollegen im globalen Norden nicht auf eine oder zwei Produktionszweige spezialisiert, hat wiederum praktische Gründe. «Die Spezialisierung führt zu Risiken, die ich nicht kontrollieren kann. Für mich ist deshalb eine multifunktionale Landwirtschaft zentral. Dabei können sich die verschiedenen Teilbereiche gegenseitig unterstützen“, sagt sie.

So kommt es, dass im Garten hinter dem Haus Bananen, Kartoffeln, Tomaten und Papaya wachsen, die Schweine sich in Sägemehl und Schlamm suhlen, während die Holstein-Kühe in der Quarantänestation am geschnittenen Schilf im Futtertrog knabbern und auf den Veterinär warten. Seit zehn Jahren hält Florence Holsteinkühe – mittlerweile sind es zwanzig. Jede von ihnen gibt zwischen acht und fünfzehn Liter Milch pro Tag.

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Die „Quarantänestation“ der Kühe. Hinter dem Haus können sie besser beobachtet und behandelt werden als auf der weiter entfernten Weide.

„Hier können wir die Kühe genauer beobachten“, sagt Florence. „Wir wissen noch nicht so genau, warum die Tiere krank sind. Wir haben bisher nur beobachtet, dass bei der Kuh die Milchleistung erheblich zurückgegangen ist und dass die Kälber kaum Lust haben, etwas zu fressen“, sagt Florence. Der Tierarzt, der von der Verwaltung zur Verfügung gestellt wird, soll nun Klarheit geschaffen werden. „Wir wissen nur, dass es keine Zecken sind“, sagt Florence. Wie wir später herausfinden werden, sind es die Zecken, die für die Holsteinkühe hier ein erhebliches Problem darstellen.

Im Garten hinter dem Haus ist es grün und schattig. Die Sonne blinzelt vereinzelt durch das Blätterdach der drei Meter hohen Bananenbäume hindurch. Im Boden wachsen Kartoffeln, im Schatten der Bananenbäume gedeihen auch ein paar Kürbisse. Ein Tomatenbaum ragt etwa einen Meter sechzig aus dem Boden und wird bald Früchte tragen. Das ist also ein Teil der multifunkionalen Landwirtschaft, der Florence hilft, mit den schwankenden Preise fertig zu werden. Denn das sei die eigentliche Herausforderung. „Wir haben keine fixen Jahrespreise. Und wir haben keine Möglichkeiten, unsere Produkte zu lagern“, sagt sie. „Wenn wir die Möglichkeit hätten, unsere Produkte nach der Ernte sauber einzulagern und dann drei bis fünf Monate später zu verkaufen, könnten wir unser Einkommen stark verbessern.“ Alternativ dazu könnte man ebenfalls in die „Value Addition“ investieren, in die Verarbeitung. Beides sind Möglichkeiten, die Florence selbst verwehrt bleiben, weil ihr Zeit, Geld, Wissen und die nötigen Marktpartner fehlen, um in die Lagerung ihrer Produkte investieren zu können. Ausserdem ist es für sie auch undenkbar, die gesamte Produktion sofort zu verarbeiten und Stück für Stück zu verkaufen. „In Kisoro gibt es zwei Erntesaisons. Wenn ich da als Bäuerin nicht genug Bohnen und Mais für mich einlagere, muss ich mit Hunger rechnen.“ „You got trapped“, sagt sie auf Englisch. Auch bei ihr ist die Selbstversorgung das erste Ziel ihrer Arbeit.

Dass Florence mit ihrer Arbeit in der Gemeinde angesehen wird, versteht sich von selbst. Dass sie aber durch die Einführung von Holstein-Kühen die lokale Genetik verdrängt, dass sie mit der legitimen Vergrösserung der Farm anderen Kleinbauern die Lebensgrundlage zu einem gewissen Teil entzieht, sieht sie keinesfalls als Argument gegen ihre Arbeit. Irritiert über meine Frage, ob das der richtige Weg sei, gibt sie etwas genervt zu Protokoll:„Ich kann Leute anstellen. Und ich kann ihnen helfen, ein kleines Einkommen zu erwirtschaften. Und damit können sie ihre Kinder in die Schule schicken. Und bei mir können sie auch lernen, wie man die Arbeit besser machen kann. Viele beginnen dann auch meine Ansätze in ihren eigenen Gärten anzuwenden.“ Seit sie in den letzten zehn Jahren immer mehr Leute beschäftigt hat, ist sie längst zu einer Kleinunternehmerin geworden, die am Morgen um sieben Uhr die Arbeiten verteilt und während dem Tag überwacht und Hausarbeiten oder ihrer politischen Tätigkeiten nachgeht.

Bevor wir gehen kommt noch ein Gemeindearbeiter vorbei und verlangt eine Unterschrift von Florence. Sie soll am nächsten Tag das Budget für die landwirtschaftliche Beratung im Distrikt verteidigen.„Reine Formsache“, kommentiert sie das zu erwartende Ergebnis; wir verabschieden uns und fahren wieder zurück Richtung Kisoro, in die Molkerei…


 

Teil 2: Was Holstein-Kühe im afrikanischen Busch machen.
uganda18Im zweiten Teil geht es der Frage nach, wie und warum die Bauern hier Holsteinkühe halten, züchten, füttern und melken.

 

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