Geht es um den Milchpreis, gehen die Wogen hoch. Denn seit sich der Staat aus dem Milchmarkt zurückzieht, ist der Preis vor allem zu tief. Dass gute Schweizer Milch zu Preisen von weniger als 50 Rappen gehandelt wird, ist für manch einen Bauer schlicht nicht nachvollziehbar. Und es wird einem hochwertigen Produkt wie Schweizer Milch auch nicht gerecht. Die Milchpreisdiskussion, sie beschäftigt die Milchbranche schon lange. Die Diskussion ist eigentlich völlig überzogen. Sie zeigt aber auch sehr schön, wie stark polarisiert die verschiedenen Positionen schon sind.

Zum Einstieg gehts unter dem folgenden Link zum Rendez-Vous, das am 5. Juli 2017 im Schweizer Radio ausgestrahlt wurde: https://www.srf.ch/news/schweiz/es-geht-aufwaerts-mit-dem-milchpreis-wenn-auch-nur-langsam

Wie es sich gehört, fehlt es nicht an Schuldzuweisungen. Nach Ansicht der Bauern sind die Molkereien schuld, die vor allem günstig Milch einkaufen und teuer verkaufen wollen. Die Molkereien sagen, dass sie vom Detailhandel klein gehalten werden. Und der Detailhandel sagt, dass der Konsument zu teure Milch nicht kaufen will. Der schwarze Peter, er wird munter durch das ganze System gereicht, von vorne nach hinten und von hinten nach vorne. Niemand will so richtig die Verantwortung übernehmen.

Eigentlich weiss man in der Branche, dass man mehrere Probleme hat. Die Innovationskraft der Molkereien hält sich in Grenzen. Die Markttransparenz im Zweitmilchkauf ist praktisch nicht vorhanden. Politische Ränkespiele über alle Lager hinweg sorgen für viel Worte und Verwirrung, aber für wenig Taten. Das Kostenumfeld in der Schweiz ist im Vergleich zum Ausland hart, der Euro-Franken-Wechselkurs macht das trotz der jüngsten Erholung nicht einfacher. Die Gelder der Absatzförderung wirken längst nicht in der ganzen Milchbranche. Hinzu kommen der teilliberalisierte Milchmarkt und die ausländische Konkurrenz, die saisonale Angebotsentwicklung und das Machtgefälle zwischen Molkereien, Milchhändlern und Bauern.

Von der Agrarpresse wird erwartet, dass sie die Molkereien ordentlich zur Kasse bittet. Man ist ja schliesslich das Sprachrohr der Bauern. Vom «Thurgauer Bauern» im Osten bis zum «Agri» im Westen, selbst in der «BauernZeitung» und im etwas boulevardesken «Schweizer Bauer» ist klar, was der Milchpreis ist: zu tief. Wie er gebildet wird, das spielt eine untergeordnete Rolle. Wer in Bauernkreisen sagt, ein Milchpreis von über sechzig Rappen ist nicht realistisch, gilt als Verräter. Wer sagt, ein Milchpreis von unter 65 Rappen ist mit Sicherheit nicht kostendeckend, ist aus Bauernsicht ein Held. Oder wenigstens einer, der die Wahrheit spricht. Dasselbe gilt für Akteure wie Aldi oder Coop, die sich mit freiwilligen Aktionen zum Schweizer Milchmarkt und den Milchproduzenten «bekennen» und einen etwas höheren Preis ausbezahlen wollen.

Und in der Publikumspresse macht man sich gerne über das Bauernsterben und die schlechten Produktpreise her. Und dann folgt in der Regel auch gleich die Schelte für die Molkereien und ihre Chefs, die mit Millionengehältern und ein paar hundert bis tausenden von Angestellten die Bauern klein halten. Von Abzocke und Betrug ist die Rede. Von Gaunern und Milchfilz. Von Kampf, Niederlage, Verzweiflung, Sieg und Hoffnung wird gesprochen. Die Begriffe sind hart, der Ton grob. So als ob man sich im Krieg befindet.

Und immer im Mittelpunkt steht der verfluchte Milchpreis. Er dominiert die Schlachten, die im Milchmarkt ausgetragen werden. Aber er definiert auch, wie sich die Milchproduzenten, die Milchhändler und die Verarbeiter in wechselnden Allianzen unterstützen und bekämpfen. Man wähnt sich gerne in einer epischen Schlacht. Gut gegen Böse, David gegen Goliath, Licht gegen Schatten. Dabei ist es nur ein wahnwitziger Kleinkrieg. Der Milchpreis definiert nämlich, wer wie zu denken hat. So darf es keine Milchbauern geben, die mit 50 Rappen kostendeckend und gewinnbringend Milch produzieren können. Es darf keine Bauern geben, die mit den bestehenden Marktinstrumenten zufrieden sind. Es darf keine Molkerei geben, die die Bauern nicht kleinhält. Und es darf auch keine Konsumenten geben, die für Inlandware einfach so einen höheren Preis bezahlen würden.

Angesichts der miesen Aussichten rufen die Jungen halb drohend, halb trotzig: «Wir können auch rechnen!» Hoffentlich machen sie das bald. Und richtig. Denn es ist das einzige, was sie machen können, um sich ihre Selbstbestimmung wieder zurück zu holen. Denn die Marktordnung, sie kennt kein Menschenrecht auf faire Milchpreise. Und es deutet wenig darauf hin, dass die langfristige globale Preisentwicklung (abwärts) grundsätzlich gebrochen werden könnte. Die Milchwirtschaft wird nämlich nach wie vor effizienter. Weil damit immer mehr Menschen gute und gesunde Milch konsumieren können. Die Jungen scheinen sich damit arrangieren zu wollen. Sie haben genug vom Kampf, den grossen Worten und kleinen Taten. Wenig überraschend ist von ihnen in der Kampfzone Milchpreis nichts zu hören. Sie werden übertönt. Von profilierungsneurotischen Politikern, Medien mit einem Hang zu Negativschlagzeilen und ein paar echten Problemen, die niemand so richtig wahrhaben will. Es scheint, dass man in der Öffentlichkeit viel lieber Krieg und Schwarzpeter spielt und den tiefen Milchpreis thematisiert, anstatt darüber zu diskutieren, wie die Schweizer Milchproduktion in einem internationalen Marktgefüge funktionieren soll und kann.

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