Was geht ihnen durch den Kopf, wenn Sie die Begriffe «Landwirt» oder «Bauer» hören?
Vielleicht haben Sie das Bieler Tagblatt abonniert und von Familie Arn gelesen? Vielleicht sind Sie Abonnentin der Solothurner Zeitung und haben sich am Frühstückstisch über die Geschichte von Milchbauer Pascal Heim gebeugt? Oder Sie lesen den Bund und haben sich mit dem Redaktor darüber echauffiert, dass die Politiker munter nach der Bauern Pfeife tanzen?
Vielleicht sehen Sie es so, wie die Konsumentin, die im Januar 2017 vor dem Brandenburger Tor in Berlin gegen die Agrarindustrie demonstrierte:
Oder Sie sehen in der Landwirtschaft vor allem ein Kostenfaktor – ganz nach der liberalen Haltung, die der Neue Zürcher Zeitung eigen ist. Vielleicht wundern Sie sich auch über die mittelalterlichen Beziehungsvorsstellungen in der Landwirtschaft, als Sie den Sonntagsblick lasen.
Wahrscheinlich sind Sie schon ziemlich verwirrt. Wahrscheinlich beschleicht Sie ein ungutes Gefühl – ein Gefühl der Machtlosigkeit, des nicht-wissen und nicht-können. Und ein Gefühl, dass in der Landwirtschaft irgend etwas gehörig schief läuft.
Warum sonst bräuchte es eine Trinkwasserinitiative, einen Gegenvorschlag zur Initiative für Ernährungssicherheit, Ernährungssouveränitäts– und Fairfood-Initiative? Warum sonst gäbe es so viele schlechte Dinge, die auf des Bauers Acker korrigiert werden müssen?
Aufmerksame Leser merken es vielleicht: die Zeilen haben einen ironischen Unterton. Deshalb zurück, auf die eindeutigen Gefielde der deutschen Sprache.
Insgesamt ist die Situation nicht ganz so schlimm. Zum Glück. Zwar steht längst nicht jeder Konsument hinter jeder Form von Landwirtschaft. Aber grundsätzlich ist die Landwirtschaft sympathisch. Die Landwirtschaft ist so sympathisch, dass selbst die SVP bei Agrarthemen mit Argumenten aus dem linken politischen Spektrum antritt (Einkommenssicherheit, Wettbewerbsschutz, um nur zwei zu nennen), und damit erst noch recht erfolgreich ist.
Hinzu kommt: Die Landwirtschaft hat attraktive Bilder zu offerieren. In Deutschland, wo die Debatte zwischen unzufriedenen Bauern und unzufriedenen Nicht-Bauern in den letzten zwei Jahren erheblich an Dynamik gewann, sind in der Zwischenzeit verschiedene Werbevideos entstanden. Und diese Filmchen sprechen die positive und schöne Seite der Landwirtschaft an. Wie zum Beispiel dieses hier:
Das Video ist gut gemacht – und es fällt auch auf fruchtbaren Boden bei den Rezipienten. Denn viele Menschen haben nach wie vor einen direkten oder indirekten Bezug zur Landwirtschaft – durch ihre Eltern, häufiger noch durch die Grosseltern.
Doch auf diesen Bezug kann man nicht länger bauen, denn die Distanz vergrössert sich. Immer mehr Menschen wohnen in Städten und Agglomerationen. Der Bauer hingegen bleibt auf dem Land. Dass man deshalb etwas unternehmen muss, haben die bäuerlichen Verbände schon lange bemerkt. Mit «Schule auf dem Bauernhof», Lockpfosten, Unterrichtsmaterialien und der Präsenz an Messen und Ausstellungen versucht man, die Konsumenten zu erreichen. Man versucht, die Zusammenhänge zu erklären, die die Landwirtschaft bestimmen. Und selbst der Schweizer Bauernverband hat erkannt, dass er mehr in die Aufklärung investieren muss. So hat er diesen Sommer zu einer Pressekonferenz auf einem Gemüsehof geladen. Dort sollen die Zusammenhänge den Journalisten erklärt werden. Damit letztere endlich «wahrheitsgetreu» und «ausgewogen» über landwirtschaftliche Themen berichten.
Was aber ist die Wahrheit für eine Landwirtschaft, die per Definition widersprüchlich ist? Eine Milchkuh zum Beispiel ist ein auf dem Hof geschätztes, gehegtes und gepflegtes Wesen. Gleichzeitig ist die Milchkuh auch Produktionsfaktor, der nüchtern betrachtet pro Lebendtag möglichst viel Milch geben sollte. Und wenn die Kuh nicht mehr will bzw. kann, dann gibt’s Salsiz und Hamburger. Dasselbe gilt mit der Vielfalt auf dem Feld. So haben die meisten Landwirte Freude an der Natur, den Lebewesen und Pflanzen. Geht es aber um die Produktion von Nahrungsmitteln, greift man gerne und oft aus gutem Grund zu chemischen und mechanischen Pflanzenvertilgungsmitteln.
An diesen Widersprüchen können sich Journalisten abarbeiten. Und Entlang der Konfliktlinien findet die Politik statt. Journalisten und Politiker machen das gerne – denn Widersprüche sind spannend. Sie tun Abgründe auf. Und sie bieten die Möglichkeit, die Widersprüche entweder zu erklären oder als grosses Problem darzustellen. Neben den Grundlegenden Widersprüchen gibt es ein paar echte Probleme: Marktmacht, Pestizid- und Antibiotikaresistenzen, die grosse Direktzahlungsabhängigkeit der bäuerlichen Einkommen, mässig ausbalancierte Nährstoffkreisläufe, Produktionsformen, die sich zunehmend an industriellen Systemen orientieren, und nicht mehr an den biologischen Prozessen?
Das spielt in diesen Darstellungen selten eine grosse Rolle. Für eine Zeitungsseite sind die Zusammenhänge oft zu komplex. Und, sind wir ehrlich, die Zusammenhänge sind auch furchtbar anstrengend. Nicht nur für den Journalisten, auch für den Leser, die Leserin. Dasselbe gilt, wenn es um die Definition der Eingangs erwähnten Begriffe geht.
Dass die Landwirtschaft mehr ist, als ein blosser Haufen Fakten, ist naheliegend. Denn Fakten kann man gar nicht essen. Man kann zu ihnen keine emotionale Verbindung aufnehmen. Und sie sind oft auch nicht wirklich schön anzusehen. Bei der Landwirtschaft ist das anders. Was sie hervorbringt, kann man nicht nur essen, sondern auch anschauen, bestaunen. Es gibt emotionale Nähe zu Tieren und Menschen.
Das darf man getrost im Kopf behalten, wenn man das nächste Mal über «die Landwirtschaft» flucht, sich an der Bundespolitik stösst, oder bass erstaunt feststellt, dass die landwirtschaftliche Subkultur mehr ist, als die blosse Projektionsfläche, zu der sie gerne gemacht wird.
Übrigens: Das WDR hat in einem Projekt Namens «Superkühe» genau das gemacht, was als brückenbauendes Element verstanden werden kann: Mit drei Kühen wird versucht, der verschiedenen Realitäten auf verschiedenen Höfen etwas näher zu kommen.
Hier zum Beispiel wird Kuh Connie vorgestellt:
Und hier gibts noch viel mehr:
- Webseite: www.superkuehe.wdr.de
- Youtube-Kanal
- Facebook-Seite
Die Inhalte dieses Beitrages wurden in leicht anderer Form und Reihenfolge in der BauernZeitung veröffentlicht.