Was passiert, wenn Idealismus auf Realität trifft? Diese Frage hat mich diese Woche ganz unerwartet erwischt. Nicht das ich besonders idealistisch oder realistisch wäre, aber meine Gesprächspartnerin, eine Philosophin, war irgendwie beides. Ein bisschen.
Im Gespräch ging es um biovegane Landwirtschaft. Das ist eine Landwirtschaft, die Tiere nicht nutzt, sondern sie als gleichwertige Lebewesen anerkennt. Und das Gespräch nahm so seinen Lauf, plätscherte vor sich hin. Bis ich anhand eines einfachen Beispiels wissen wollte, wie das denn tatsächlich funktionieren soll. Das Beispiel war der Hof meines Bruders, die Frage unverfänglich: «Was soll mein Bruder, 25 Jahre alt, Herr über 13 oder 14 Milchkühe und gut 60 Hektaren Land in der Bergzone I – IV als bioveganer Landwirt machen? Wie soll er seine Landwirtschaft gestalten?»
«Nun, es ist super, wenn er sich selbst dazu entschieden hat, Landwirt zu sein. Das ist wichtig.»
«Nun, es ist super, wenn er sich selbst dazu entschieden hat, Landwirt zu sein. Das ist wichtig.» Begann meine Gesprächspartnerin. Dann fuhr sie fort: „Als ersten Schritt könnte er seine Tiere zu Mitbewohnern des Hofes machen. Als gleichberechtigte Wesen anerkennen, die er nicht länger nutzt. Und auf dem Land könnte er Lein, Quinoa und andere Pflanzen anbauen.»
Lein? Quinoa? Ackerbau? In der Bergzone I, II, III und IV? Ui, dachte ich mir, das könnte noch schwierig werden. Das die Tiere Lebewesen mit gleichen Rechten sein könnten, das leuchtete mir noch ein. Aber Ackerbau? Fairerweise muss ich sagen: Im Schanfigg gibt es bis heute Zeugen vergangenen Ackerbaus. Und zwar Terrassen. Und die Geschichten, dass selbst mein Grossvater selig einst regelmässig mit Karotten und anderem Gemüse nach Chur auf den Markt ging – um es zu verkaufen, selbstverständlich. Aber heute Ackerbau machen? Dort oben? Das hat irgendwie keinen Platz in meinem Kopf. Und im Kopf meiner Gesprächspartnerin, einer motivierten und bewussten Frau schien sich der Gedanke pudelwohl zu fühlen.
Tiere haben Rechte. Und wir Menschen haben die Möglichkeit, den Tieren zu diesen Rechten zu verhelfen. Warum also machen wir das nicht?
Kein Wunder, sie betreibt einen bioveganen Bauernhof und hat sich lange und intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, wie wir als Gesellschaft mit unseren Tieren umgehen. Und darum geht es ihr. Nicht um die Frage, was wäre ohne Tiere, sondern wie gehen wir mit ihnen um. Ihre Lehre daraus: Tiere haben Rechte. Und wir Menschen haben die Möglichkeit, den Tieren zu diesen Rechten zu verhelfen. Warum also machen wir das nicht? Soweit der Idealismus.
Aber warum tatsächlich verhelfen wir den Tieren nicht zu ihren Rechten? Und was ist, wenn die heutigen Tiere das sind, was früher Sklaven waren? Was, wenn wir realisieren, dass der Umgang und die Nutzung von Tieren – sei es für die Milch-, Fleisch-, Woll-, Gelatine-, Leder-, oder jede andere Produktion – nicht dem entspricht, was das Tier tatsächlich will?
Die kurze Antwort: vergessen Sie’s! Solche Gedanken sind geistige Selbstbefriedigung. Und es ist bequem, sich im Sessel zu lümmeln und gescheit über die Welt nachzudenken, ohne etwas dafür zu tun, dass Kriege und Hunger aufhören.

Die lange Antwort: vergessen Sie’s nicht! Aber die Realität ist etwas komplexer. Auf die Zahlen zur globalen Tiernutzung verzichte ich. Aber ich möchte einen kleinen Ausflug machen. Vom St. Galler Rheintal in meine Kindheit und weiter in die Gegenwart.
Sennwald. Es ist früh am Morgen, irgendwann vor etwa fünf oder sechs Jahren. So genau weiss ich es nicht mehr. In der Luft liegt der beissende Geruch von Ammoniak. Im flachen Stall brennt kaltes Licht, das die Wände grauer macht, als sie eigentlich sind. Vier Schornsteine im Dach sorgen für Luftzirkulation. Der Korridor verläuft auf der Längsseite des Stalls. Die Decke besteht aus löchrigen Sperrholzplatten. Die Löcher sind für die Schläuche, in denen das Kraftfutter aus dem Silo in den grossen quadratischen Bottich gepumpt wird.
Es grunzt und quiekt und schaut und schnauft.
Kommt das Licht, verschwinden die Mäuse. Sie huschen der Wand entlang und verschwinden in den Ritzen. Drinnen ist es gar nicht so kalt, dafür liegt die schwere ausgeatmete Luft über den Buchten. Die Schweine liegen auf der kahlen Betonplatte und schrecken auf, als wir hineingehen. Es grunzt und quiekt und schaut und schnauft. Ich weiss nicht mehr, wie viele Schweine im Stall Platz hatten. Mir schien es einfach voll zu sein. Zu voll. Gerade in der vordersten Bucht, da wo die schwersten Tiere liegen.
Es war Abholtag. Die Grossen mussten raus. Um etwa sechs Uhr morgens haben wir die Tiere separiert und für den Verlad parat gemacht. Schwein an Schwein an Schwein stand in der Bucht. Und Tags darauf würden sie Schinken an Schinken an Schinken im Schlachthaus-Kühlraum hängen. Sind das Tiere? Oder einfach eine rosa-dreckige Masse von Schnitzeln vor der Veredelung? Ich kann es bis heute nicht sagen. Vermutlich beides. Irgendwie. Was ich weiss: der Stall war einigermassen konform, wenn auch ein Dreckloch. Er entspricht nicht dem Durchschnitt, wird aber geduldet. Der Durchschnitt ist besser. Immerhin ein schwacher Trost.
Einmal, da war ich noch ein Knirps, stand ich im Futtertenn. Damals war der Stall noch einer, in dem man die Kühe angebunden hat. Es war Melkzeit. Das Radio lief und mein Vater hockte unter einer Kuh, wollte sie melken. Die Kuh, den Namen habe ich vergessen, wollte nicht. Und irgendwann hörte ich ihn fluchen. Die Kuh riss ihre Augen weit auf. Sie wollte über das Nackenrohr springen, wurde aber vom Halsband daran gehindert. Mein Vater drosch mit dem schwarzen Gummischlauch für den Melkeimer auf das Tier ein.

Später habe ich ihn darauf angesprochen. «Du weisst ja, wie das ist. Manchmal muss es schnell gehen. Und manchmal verliert man die Geduld.» Ich verstehe. Ich weiss nicht einmal mehr, ob ich ihn fragte, ob er Mitleid empfand. Vermutlich schon. So wie damals, als er hinter dem Stall ein Kaninchen mit dem Bolzenschuss betäubte und danach mit dem Schnitt durch die Halsschlagader tötete und mit betretener Miene darauf wartete, bis das Tier aufhörte, zu zucken. Weniger Gefühlsduselig wars letzten Sommer, als am hellichten Tag ein Fuchs den Hühnern einen Besuch abstattete. Als das Tier zum zweiten Mal in den Hühnerstall vordrang, machte er kurzen Prozess. Den Fuchs schickte er in die ewigen Jagdgründe.
«Du weisst ja, wie das ist. Manchmal muss es schnell gehen. Und manchmal verliert man die Geduld.»
Irgendwie betroffen macht es trotzdem. Und das zeigt: wir Menschen können Mitgefühl empfinden. Selbst mit dem Fuchs, der zur falschen Zeit am falschen Ort die falschen Hühner fressen wollte.
Und wenn wir uns vorstellen, dass die Kuh, die wir heute beim Bauer streicheln, morgen auf unserem Teller liegt, würden wir das Fleisch essen? Bauernkinder sagen: «Ja klar! So sind wir gross und stark geworden. Und wir wissen, das die Tiere ein gutes Leben hatten.»
Und darum geht es ja. Um ein gutes Leben. Was danach kommt, wissen wir ja nicht. Aber hat ein Schwein in einem guten Stall bei einem guten Bauer ein gutes Leben? Und umgekehrt: hat ein Schwein in einem schlechten Stall bei einem schlechten Bauer ein schlechtes Leben? Oder was ist wichtiger: ein guter Bauer oder ein guter Stall? Und was ist mit dem Bauer? Hat der ein besseres Leben wenn es seinen Tieren gut geht?
«Gopfertammi, die huere Frage. Jetzt langts!»
Ja, ist ja gut. Nur noch drei Fragen.
«Hmm!»
Was ist richtig? Und was nicht? Aus welcher Perspektive beurteilen wir das?
Epilog
Warum verhelfen wir den Tieren nicht zu mehr Rechten? Eigentlich ist das die falsche Frage. Denn wir sind heute schon viel weiter, als vor zweihundert Jahren. Wir kennen Tierschutzgesetze und sind uns in der Gesellschaft einig, das Tiere nicht unnötig leiden sollen. Wir verhelfen den Tieren also heute schon zu Rechten. Allerdings ist ein Tier im Sinne der Tierschutzgesetzgebung nach wie vor eine Ware. Ein Ding. Und diese Verdinglichung manifestiert sich am eindrücklichsten in den grossen Ställen dieser Welt. Dort, wo hunderte, wenn nicht gar tausende von Tieren gehalten werden.
Hinzu kommt, dass der Mensch seit er sesshaft wurde und Tiere domestiziert hat, für die Tiere zu Sorgen hat. Und das ist bis heute so geblieben. Ein guter Landwirt sorgt für seine Tiere.
Viel schwerer wiegt, dass die Diskussion um unseren Fleischkonsum sehr oft einfach moralisiert wird. Und das macht das Leben für die Tiere nicht besser. Die pragmatische Lösung: wenn wir schon Fleisch konsumieren, dann von Tieren, von denen wir wussten, dass es ihnen vermutlich gut ging.
Ausserdem, und das wird gerne vergessen, haben Tiere im Ökosystem auch wichtige Funktionen – für das Gras-Wachstum, für die Düngung. Und ohne Viehwirtschaft gäbs keine Alpen wie wir sie heute kennen. Das wäre alles Wald. Insofern ist es gut, das wir Tiere halten. Die Frage ist letztlich nur: wie?
Ein Kommentar zu „Manchmal sind es grosse Fragen“