Sri Lanka hat den Bürgerkrieg überwunden. Jetzt soll die Wirtschaft wachsen und Wohlstand für alle geschaffen werden. Und das bedingt auch für die Landwirtschaft bedeutende Veränderungen.

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Kühe auf der Weide: Im Hochland Sri Lankas ist das keine Seltenheit. Das Klima ist günstig und das Wissen mittlerweile vorhanden.
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Doch nicht überall ist das Wachstum so deutlich sichtbar. In der Sirupkocherei ist noch vieles, wie es vor zehn Jahren war.

Prolog


«Es ist alles gut. Wir leben in Frieden zusammen. Es ist gut.» Das sagt Dharmasiri Janananda mehrmals; so als müsse er nicht nur seine Gäste, sondern jedes Mal auch sich selbst überzeugen. Seit über dreissig Jahren ist Janananda Reiseleiter. Er zeigt gerne das Land, die buddhistischen Tempel, die singhalesische Kultur. Nur über die Entwicklungen der letzten dreissig Jahre spricht er nicht so gerne. Er macht es aus Höflichkeit. Und weil er den Touristen aus der Schweiz kein falsches Bild vermitteln möchte. Und vielleicht auch deshalb, weil es ihm schwerfällt, über die Tamil Tigers und den 26-jährigen Bürgerkrieg zu sprechen, der zwischen 1983 und 2009 Sri Lanka spaltete. Vielleicht ist aber auch tatsächlich alles gut, zwischen den Tamilen und der Singhalesischen Mehrheit.

Etwas anders fällt das Fazit von Gordon Weiss aus. Er legt nahe, dass Janananda deshalb schweigt, weil die Regierung genau das von ihm erwartet. Der ehemalige Uno-Mitarbeiter weist in seinem Buch «The Cage» (zu Deutsch: Der Käfig) darauf hin, dass die singhalesische Mehrheit in Sri Lanka einen konservativ verstandenen Buddhismus als Waffe nutzt, um die Geschichte der Tamilen im Land vergessen zu machen. Dass für Janananda der Buddhismus ein wichtiger Teil des Lebens ist, passt so gesehen bestens in die Doktrin der Regierung.

Abgesehen davon wäre es nicht das erste Mal, dass die Tamilen unterdrückt würden. Schon als Sri Lanka nach dem zweiten Weltkrieg die Unabhängigkeit der Briten erlangte, mussten die Tamilen zuerst darum kämpfen, wieder im nationalen Bewusstsein vorzukommen. Auf der Flagge nämlich prangte nur der goldene Löwe mit dem Schwert in seiner rechten Vorderpfote. Bis heute ist das zwar so geblieben, allerdings wurde die Flagge schon 1950 um einen grünen und einen orangen Streifen erweitert. Der grüne Streifen steht seither für die muslimische Minderheit, der orange Streifen für die Tamilische.

Sri Lanka soll die strategisch wichtige Position, die es in der Geschichte der Seidenstrasse schon einmal hatte, wiedererlangen und als Dienstleistungszentrum den Osten mit dem Westen (oder den Westen mit dem Osten) verbinden.

Ohnehin wäre es auch falsch, den Krieg in Sri Lanka als Krieg zwischen den Singhalesen und den Tamilen zu beschreiben. Gekämpft haben die Tamil Tigers für einen eigenen Staat – für Tamil Eelam. Gleichzeitig sassen während des gesamten Bürgerkriegs tamilische Abgeordnete im Parlament von Sri Lanka. Eine komplette Spaltung eines Landes in zwei ethisch klar trennbare Gruppen sähe anders aus.

Vom Konflikt, den Menschenrechtsverletzungen und den Gräueltaten geblieben ist das kollektive Schweigen. Ob das gut oder schlecht ist, wird sich erst noch zeigen. Tatsache ist, dass das Bruttoinlandprodukt Sri Lankas in den letzten neun Jahren – also seit dem Ende des Bürgerkriegs im Mai 2009 – von etwas über 40 Milliarden auf über 80 Milliarden US-Dollar verdoppelt hat. Zwar ist das Wirtschaftswachstum in den letzten drei Jahren etwas zurückgegangen, es liegt aber nach wie vor bei über 4%.

Und das Ziel ist klar: Sri Lanka soll die strategisch wichtige Position, die es in der Geschichte der Seidenstrasse schon einmal hatte, wiedererlangen und als Dienstleistungszentrum den Osten mit dem Westen (oder den Westen mit dem Osten) verbinden.[1] Der Löwe im indischen Ozean scheut dazu keine Mühen. In besonderem Masse zeigt das die Landwirtschaft in Sri Lanka. Sie ist, wie so oft in Entwicklungs- und Schwellenländer geprägt von zwei Extremen: der Subsistenzlandwirtschaft und der industrialisierten Massenproduktion. Und um diese Extreme geht es auch in diesem Beitrag.

  • Statistisch gesehen ist das Leben in Sri Lanka besser, als in Südafrika oder Marokko. Auf einem Quadratkilometer leben 338 Menschen. Und von den insgesamt 22 Mio. Einwohner können fast 96% lesen und schreiben.[2]
  • Von hundert Personen arbeiten dreissig in der Landwirtschaft, 43 im Dienstleistungsbereich, etwa 5 sind arbeitslos und die übrigen arbeiten in der Industrie. Die Landwirtschaft wiederum trägt etwa 10 % zum Bruttoinlandprodukt bei, während die Industrie 30% und der Dienstleistungssektor 60% zum BIP beitragen[3]
  • Die Jugendarbeitslosigkeit betrifft jede fünfte Person im Alter von 15 – 24 Jahren.
  • Die Singhalesen machen 74,9 % der Bevölkerung aus und sind vor allem im Südwesten der Insel zu Hause. Die Tamilen Sri Lankas sind vor allem im Norden und im Osten der Insel zu Hause. Insgesamt machen die Tamilen 11,1 % der Bevölkerung aus. Hinzu kommen noch 9,3 % Muslime und 4,1 % indisch-stämmige Tamilen.
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Der Eingang zur Farm in Ambewele verrät schon: hier wird nach europäischem und amerikanischem Vorbild Milch produziert.

«Die können das auch»


«Um die musst Du Dir keine Sorgen machen.» August Schmid lacht. Er hat gesehen, dass die Angestellten mit sauberen Gummistiefeln daherkommen. «Und jeder hat ein Haus und einen kleinen Garten.» Schmid ist Bauer auf Reisen. Gemeinsam mit vier Kollegen und ihren Frauen hat er in den Tagen davor einiges von Sri Lanka gesehen: Gute Forschungsanstalten für den Kokosanbau, Geflügelmastbetriebe, funktionierende Märkte und Menschen, die das Beste aus der Situation machen wollen. Sein Fazit: «Die können das auch.»

Wie das aussehen könnte, zeigt die New Zealand Farm, die in Ambewele steht. Hinter dem Betrieb steht nach Auskunft des General Managers einer der grössten sri-lankischen Geschäftsmänner. Und auf den saftigen Weiden stehen etwa 300 Milchkühe. 240 davon werden gemolken. Die Milchleistung pro Tier und Jahr beträgt etwa 8500 kg. Im wichtigsten EU-Produktionsland Deutschland liegt die Milchleistung der Kühe mit durchschnittlich 7500 kg Milch deutlich tiefer. Und auch Schweizer Kühe produzieren im Schnitt weniger, als ihre sri-lankischen Schwestern.

Auch in der Viehzucht blieb praktisch kein Stein auf dem anderen: statt einfache Kühe für die lokale Produktion zu züchten, will man grossrahmige Kühe mit grösseren Eutern, grösseren Gliedmassen und grösserer Milchleistung.

Angefangen hat alles viel bescheidener und mit einem Regierungsprogramm. In den 1970er-Jahren unternahm man mit dem Livestock-Development-Plan einen ernsthaften Versuch, die Tierhaltung in Sri Lanka zu verbessern und hat dazu zahlreiche Betriebe gebaut. Unter ihnen waren auch die zwei Farmen in Ambewele. Fortan hatte man auf den Betrieben mit niederländischer Genetik und ohne allzu viel Geld etwas Milch produziert.

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General Manager und sein Assistent, Kalana Wanigasooriya unterwegs zum nächsten Stall.

Wie das aber mit Regierungsprogrammen oft ist, fehlten auch auf den beiden Betrieben bald Geld und Motivation, um die Entwicklung der Produktion voranzutreiben. Erst als der Betrieb 2001 privatisiert wurde, wendete sich das Blatt: Die neuen Investoren begannen zu investieren und damit auch die Produktion zu intensivieren. Das fing beim Futterbau an und hörte bei der Genetik auf. Seit der Privatisierung ist nämlich klar, dass man so viel Futter wie möglich selbst produzieren muss, um damit die Milchleistung zu verbessern. Seither wächst nicht mehr irgendein Gras auf den Feldern, sondern italienisches Raigras. Es wird gemäht, und entweder direkt frisch verfüttert oder als eine Art leichtes Silo konserviert. Daneben wird noch etwas Mais produziert, der ebenfalls im Futtermischwagen und dann vor den Kühen in der Krippe landet.

Dass die Lebensdauer der Kühe kurz ist, wissen auch die Manager. Richtig finden sie es trotzdem: „Nur so können wir die Milchproduktion profitabel betreiben.“, sagen beide.

Auch in der Viehzucht blieb praktisch kein Stein auf dem anderen: statt einfache Kühe für die lokale Produktion zu züchten, will man grossrahmige Kühe mit grösseren Eutern, grösseren Gliedmassen und grösserer Milchleistung. Weil die Tiere nach drei bis vier Laktationen ausgemerzt werden, sind auch Krankheiten kein grosses Problem. Hin und wieder gebe es Tiere mit Durchfall, Milchfieber, Zeckenfieber. «Es ist aber nicht so schlimm. Nur etwa ein Prozent der Tiere werden überhaupt krank», erklärt uns der Manager. Und das Problem mit den männlichen Kälbern umgeht man mit gesextem Sperma. Von 100 geborenen Kälbern sind 15 männlich, die übrigen 85 weiblich. Die männlichen Tiere werden mit einem Gewicht von ca. 100 kg und nach etwa drei Monaten verkauft und geschlachtet. Dass die Kühe «nur» vier Laktationen überstehen müssen, ist erst möglich, „seitdem in der Aufzucht genügend weibliche Tiere nach kommen“, erklärt uns Kalana Wanigasooriya, der Assistent des General Managers. Die Tagesmilchleistung ist dadurch höher, und die Tiere werden nicht alt genug, um überhaupt krank zu werden.

Dass die Lebensdauer der Kühe kurz ist, wissen auch die Manager. Richtig finden sie es trotzdem: „Nur so können wir die Milchproduktion profitabel betreiben.“, sagen beide. Früher hätte man die Tiere für etwa acht Laktationen eingesetzt. Aber dann gehe die Milchleistung zurück – und damit auch der Ertrag pro Kuh. Die Marktgesetze, sie gelten auch in Sri Lanka. Auch der Pöttinger-Ladewagen am Feldrand und der Kuhn-Futtermischwagen in einer Scheune lassen daran keine Zweifel offen.

Nicht nur in der Zucht und der Viehhaltung wurde investiert, sondern auch in die Verarbeitung. Ein Teil der Milch wird direkt in Nuwara Eliya zu Joghurt verarbeitet. Der Rest mit dem Lastwagen in die Nähe von Colombo transportiert. Dort wird aus der Frischmilch Past- und UHT-Milch. Auch das sind grosse Schritte, denn früher hat man nur Milchpulver eingekauft, mit Wasser gemischt und wiederverkauft. Heute wird frische Milch angeboten. Und sie stösst auf eine wachsende Nachfrage. Der ausbezahlte Milchpreis liegt mit 50 USD-Cents gut über dem Milchpreis auf dem Weltmarkt. Und abgesehen von etwas UHT-Milch wird die gesamte Produktion in Sri Lanka abgesetzt.

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Die Halle bietet Platz für 50 000 Masthühner. Und sie stellt wohl das dar, was man industrielle Landwirtschaft bezeichnen kann.

Wenn Hühner mit Antibiotika gross gemacht werden


Ambewele war nicht die erste Überraschung auf der Reise. Schon am ersten Tag wurde klar, dass auch in Sri Lanka Landwirtschaft nach industriell-europäischem Vorbild betrieben wird. In drei grossen Hallen und eine gute Autostunde von Colombo entfernt, werden Hühner gemästet. Pro Halle 35000 Tiere. «Wir können im Moment nicht mehr absetzen», entschuldigt sich der Farmmanager. Normalerweise werden in jeder Halle 50000 Tiere in 28 Tagen gemästet. Die Mortalitätsrate liegt bei etwa drei Prozent, der eingesetzte Broiler der US-Firma Cobb entspricht dabei ebenso dem Standard, wie die Stalleinrichtung von Big Dutchman. Wer auf dem Areal arbeitet, ist kein Bauer, sondern Farmmanager und Überwacher. Denn die ganze Anlage läuft vollautomatisch. Sie weiss schon bevor das erste Küken eingestallt wird, wann welche Umgebungstemperatur für das Tier gut und nötig ist. Und schon zu Beginn ist klar, wann welches Futter eingesetzt wird: Ein Starter, ein Wachstumsfutter mit Antibiotika, und zwei unterschiedliche Finisher: einer mit Antibiotika, und einer ohne. Wöchentlich sind es insgesamt 16 Tonnen Futter, das umgesetzt wird.

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Alles steril und geschlossen: Zutritte werden wie das Stallklima, die Futterdosierung und die Wasserqualität genau kontrolliert.

«Antibiotika?» fragt Marcel Wyss nachdenklich, als er in den grünen Hosen und dem grünen T-Shirt zwischen zwei der drei Hallen steht. Seine Füsse stecken in zu kleinen Flip-Flops, die Sonne brennt auf den Beton. «Da musst Du dir keine Illusionen machen», antwortet August Schmid. Sie laufen über den heissen Betonboden zurück zur Umkleidekabine. Dort haben sie vorher geduscht, ihre Kleider und Schuhe aus- und die grüne Uniform angezogen. Selbst die Arbeiter müssen durch die Dusche. Denn Antibiotika alleine reicht nicht, wie uns der Manager, ein etwas lethargischer aber freundlicher Mann Anfang dreissig erzählt. Die eingesetzten Mengen seien aber gering, versichert er uns mehrmals. Er weist damit auf ein Problem hin, das im Zusammenhang mit prophylaktischer Antibiotikagabe oft eintritt: Resistenzen. Die geringe Dosis hemmt den Krankheitsdruck und steigert so die Leistung der Tiere. Gleichzeitig tötet sie nicht alle Bakterien ab, sondern erlaubt ihnen sogar, mit Mutationen gezielt auf ein Antibiotikum zu reagieren. Die Keime werden resistent, das Antibiotikum wirkt nicht mehr und das ganze Produktionssystem hat ein Problem. Die Antwort in Sri Lanka und in vielen anderen Orten der Welt ist mehr desselben: mehr Hygiene, mehr Antibiotika, mehr Duschen.

Wenn ein paar Agronomen und Ingenieure die ganzen Haltungsbedingungen in standardisierten Code und ein paar Prozesse in einer robusten und günstigen Anlage umgesetzt haben, braucht es danach nur noch Personal, um die Prozesse zu überwachen. Und dieses System lässt sich fast beliebig skalieren. Es kennt praktisch nur politische Grenzen.

An diesem Abend habe ich mir notiert: «Die können das auch, hier in Sri Lanka. Und zwar nicht schlechter oder besser, wie in Europa, aber sicher grösser. Die Politik, die Umweltauswirkungen und alle übrigen Diskussionselemente spielen kaum eine Rolle. Insofern geht es hier vor allem darum, die Dinge richtig zu machen. Statt auf den prophylaktischen Antibiotikaeinsatz zu verzichten, die Ställe zu redimensionieren und das Produktionssystem grundlegender zu verändern, werden nur Anpassungen im Rahmen der bestehenden Denkansätze vorgenommen. Die Konsequenz ist ein System, das in sich extrem effizient und nach industriellen Standards auch kostengünstig und damit Weltmarktfähig ist. Der Preis dafür ist fehlende Resilienz; sollte nämlich eine Seuche eingeschleppt werden, muss der ganze Bestand gekeult werden. Was mich noch viel mehr beschäftigt: ich habe nicht den Eindruck, dass sich die Angestellten wirklich dafür interessieren. Denn auch der Manager konnte uns nicht genau sagen, woher das Futter kommt. Immerhin das ist die Stärke des Systems: Wenn ein paar Agronomen und Ingenieure die ganzen Haltungsbedingungen in standardisierten Code und ein paar Prozesse in einer robusten und günstigen Anlage umgesetzt haben, braucht es danach nur noch Personal, um die Prozesse zu überwachen. Und dieses System lässt sich fast beliebig skalieren. Es kennt praktisch nur politische Grenzen.»

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Kaufen und verkaufen, was der Boden hergibt. Auf dem Markt in Dambulla ist fast alles verfügbar.

(Fast) alles in Ordnung auf dem Markt


Wenige Tage später sind wir in Dambulla auf dem Markt. Es ist laut, gross und nicht so schmutzig, wie man das erwartet. Und jeder in dem Gewusel aus Menschen und Material hat seine Aufgabe. Es gibt Träger, die mit Haken und schweissfeuchter Stirn die Waren auf ihren Schultern quer durch die stehenden Fahrzeugkolonnen manövrieren. Es gibt Buchhalter, die hinter grossen Tischen Geldbündel sortieren, zählen und gewissenhaft Beträge in einem Buch niederschreiben. Es gibt Einkäufer, die mit kritischem Blick und einer Rolle Geldscheine die beste Ware suchen und zwischen den Autos hindurchschreiten. Und es gibt Verkäufer, die alles Feilbieten, was die Pflanzenwelt Sri Lankas hergibt: Kokosnüsse, Zitrusfrüchte, Tropenfrüchte. Einfach alles. Wer mit einer Palette und einem Hubstapler durchkommen will, hat hier keine Chance. Es ist eng zwischen den Lastwagen. Und Abgas von Diesel- und Benzinmotoren beisst in der Nase, brennt in der Lunge. Paletten, wie man sie in europäischen Märkten kennt, sucht man vergebens. Die grossen Säcke werden von Hand abgeladen, gewogen, abgelegt, wieder geschultert, zurück auf den Lastwagen gehievt und verkauft.

Auf dem Markt wird deutlich, was der Unterschied zwischen wenig und sehr wenig Geld ausmachen kann. Während bei sehr wenig Geld oft schlechte Waren angeboten werden, sind die Waren in Dambulla weitestgehend einwandfrei. Die Infrastruktur ist zweckmässig und wird vor allen Dingen auch gewartet. Sollte das Einkommen der Sri Lankesen weiter steigen, dürfte sich das auch auf den Märkten durchschlagen. Einerseits in höheren Preisen, andererseits in besserer Infrastruktur. Bis aber die Arbeiter eine neue Stelle suchen müssen, dürfte es noch eine Weile dauern. Denn der Wind des Wandels, er bläst zwar. Aber nicht so schnell.


«Das git doch nüt!»


«Das git doch nüt, die Tier bruchend guets Fueter und nid dä huara Seich!» Ueli Luginbühl schüttelt den Kopf. Vor ihm stehen zwanzig Kälber mit struppigem Fell und knochigem Rahmen. In den Futterkrippen liegt halbdürres Schilfgras. Immerhin die Pansen sind gut entwickelt. Raveen Munasinghe erklärt, dass die Tiere kaum Kraftfutter und wenig Milch erhalten. Munasinghe ist Assistent des Managers und arbeitet seit fünf Monaten auf der CIC Agri Farm in Habarana.

Angefangen hat die Geschichte der Forschungsanstalt vor etwa 30 Jahren. Und wie auf den Betrieben in Ambewele und Nuwara Eliya mit dem Livestock-Development-Plan. Im Gegensatz zu den Milchbetrieben ist die CIC Agrifarm aber nach wie vor ein Staatsbetrieb. Insgesamt werden 360 Tiere – Wasserbüffel, Jersey aus Australien und ein paar Holstein – gehalten; 140 Wasserbüffel-Kühe werden gemolken. Die Wasserbüffel-Kühe geben pro Tag drei bis sechs Liter Milch, die Jersey- und Holsteintiere immerhin das doppelte. Es ist aber immer noch zu wenig, um die Kälber anständig mit Milch zu versorgen.

Munasinghe weiss das. Der junge Mann ist Veterinär und will eines Tages ein Milchproduzent sein. «Ein guter» wie er versichert. Obwohl auf dem Regierungsbetrieb Geld und damit so ziemlich alles fehlt, was man braucht um in der Landwirtschaft vorwärts zu kommen, hat er sich für die Arbeit auf der Farm entschieden. Es ist für ihn der Einstieg in die Berufswelt. Und es ist der erste Schritt in Richtung seines Ziels. Frustriert ist er trotzdem. Darüber, dass wenig möglich ist. Raveen Munasinghe weiss, dass auf privaten Betrieben die Futtergrundlage selbst produziert wird. Er weiss, dass andernorts in moderne Technologie investiert wird. Und er weiss, dass mit Frischmilch ein gutes Geschäft möglich wäre. «Aber das Geld fehlt», sagt er. Der Milchpreis ist zu tief und ist nach wie vor vom Weltmarktpreis für Milchpulver abhängig. Und solange Munasinghe keinen Zugang zum Kapitalmarkt findet und von der Regierung keine klare Vorgabe erhält, was er machen soll, wird auch nichts passieren.

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Sirupkochen wie zu Urzeiten: 150 Liter pro Charge, eine Charge pro Tag. Das reicht für eine ganze Familie…

Auch in der kleinen Sirup-Kocherei in der Nähe von Udawalawa ist in den letzten Jahren nicht viel passiert. Auf zwei Hektaren baut der Bauer, der seinen Namen nicht nennen möchte, Zuckerrohr an. Täglich wird ein Teil des Zuckerrohrs geschnitten, gemahlen und ausgepresst. Der Saft wird in einem grossen Bottich über dem Feuer zu einem dicken braunen Sirup eingekocht. 180 Liter sind es jeden Tag. Dicke Dampfschwaden ziehen durch den Schopf, es riecht nach Karamell, Rauch und Diesel. Der Bauer schwitzt, als er die trockenen ausgepressten Rest Zuckerrohr in das Ofenloch schiebt. Der Sirup wird für 90 Rupie pro Liter an die nächste Raffinerie verkauft, die daraus Kandis- oder Kristallzucker herstellt. Das Geschäft ist profitabel, hat sich aber nicht wesentlich verändert. Was geblieben ist, ist der archaische Kampf Mann gegen Pflanze. Von einer wirklichen Perspektive wird uns nicht berichtet.

Und dann ist da noch der Tourismus. Einerseits Devisenbringer. Andererseits macht er Abhängig. Als wir nämlich in den Bergen zur Teefabrik unterwegs sind, halten wir an einem Ort noch an. «Ein gutes Foto machen», sagt Dharmasiri Janananda. Kaum stehen wir am Rand des Feldes, kommen die ersten Frauen und rufen «Money, Money?» Äääh, was? Geld? Tatsächlich haben die Frauen offenbar schon früh gelernt, wie sie zu etwas Geld kommen: indem sie die reichen Touristen fragen. Das funktioniert. Aber nur so lange, wie auch die Armut den Touristen das Herz erweichen kann.


Die Zukunft hält verschiedene Wege bereit


Die Zukunft hält nun verschiedene Wege offen. Und wie in der Schweiz gibt es für die Landwirtschaft in Sri Lanka zwei wichtige Wegweiser: Die Konsumentenbedürfnisse und die Agrarpolitik.

Erstere verändern sich mit dem steigenden Einkommen und verlangen nach immer mehr tierischen Produkten. Letztere will die Landwirtschaft vor allem leistungsfähiger machen. Dazu gibt es einen Entwicklungsplan, der nicht weniger als 17 Problembereiche auflistet: Angefangen bei den hohen Kosten, der hohen Nachernteverluste über schlechtes Bodenmanagement bis hin zu fehlender Beratung und einer Jugend, die den Sektor verlässt, ist praktisch alles dabei um sich Sorgen zu machen. Gleichzeitig wird der Entwicklungsplan als zu wenig ambitioniert erachtet. Nimal Sanderatne von The Sunday Times schreibt am 26. Juni 2011: «Das Land sollte die Landwirtschaft noch stärker fördern, als es heute der Fall ist. Bessere Produktivität in der Landwirtschaft kann das gesamte Wirtschaftswachstum fördern; und sie kann den Zugang der Armen zu Nahrung ebenso verbessern wie die Einkommen und Arbeitschancen für die ländlichen Produzenten.» Die Herausforderung ist dabei klar: Die Produktivität muss gleichzeitig mit dem Schutz der Ressourcen gesteigert werden. Wie das genau geschehen soll, blieb auch auf der Reise unklar.

[1] https://www.adb.org/sites/default/files/linked-documents/cps-sri-2012-2016-oth-01.pdf

[2] http://hdr.undp.org/en/countries/profiles/LKA

[3] https://www.indexmundi.com/sri_lanka/gdp_composition_by_sector.html

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Im Netz? Oder draussen? Sri Lankas Zukunft wird von vielen Faktoren bestimmt.

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