Landwirtschaft sei «Die Kunst Geld zu verlieren, während man 400 Stunden pro Monat arbeitet, um Menschen zu ernähren, die denken, dass man sie vergiften will.»

Das steht auf einem T-Shirt, das man als Landwirt kaufen und tragen kann. Der Aufdruck sagt weitaus mehr über Landwirte und die Landwirtschaft aus, als das den Bauern lieb sein dürfte. Es verlangt nämlich niemand vom Bauern, dass er 400 Stunden pro Monat arbeitet, dabei Geld versenkt und sich mit dem Rest der Gesellschaft anlegt.

Das T-Shirt alleine ist auch nicht so schlimm; es ist nämlich noch lustig, auf den ersten Blick huscht praktisch jedem ein entsetztes Lächeln übers Gesicht. Letzthin hat aber der Schweizer Bauernverband genau die gleiche Botschaft in den eigenen Layoutvorgaben durch Social-Media gejagt.

Der Beitrag wurde geteilt, geliked und kommentiert. Und zwar fleissig. Aber warum? Warum stösst ein derart abwertendes Verständnis von Landwirtschaft auf so viel Resonanz? Warum nimmt das sogar der Schweizer Bauernverband auf? Der Verband notabene, der für die Zukunft der Schweizer Bauernfamilien Politik macht – oder es mindestens versucht.

Vielleicht, weil es eben doch stimmt, dass der Landwirt zu viel arbeitet und zu wenig verdient. Das zeigen auch Zahlen. Denn der Molkereimilchpreis ist laut Agridea zwischen 2005 und 2017 von 71 auf 56 Rappen je Kilo Milch gefallen, während die Umsätze von den meisten Molkereien teilweise markant gestiegen sind. Ähnlich ist die Entwicklung beim Rindfleisch. Dort betrug die Bruttomarge der nachgelagerten Stufen im Januar 2013 10 Franken und 4 Rappen je Kilo Rindfleisch. Bis im Mai 2018 stieg die Marge auf 13,38 Franken. Im gleichen Zeitraum stieg der Anteil Labelfleisch lediglich von 93 auf 94 Prozent. Und auch beim Brotgetreide ist es dasselbe: Die Produzentenpreise haben sich in den letzten zehn Jahren im Bereich von 45 bis 52 Franken je 100 kg eingependelt. Die Teuerung wurde nicht ausgeglichen und zu den Bruttomargen macht der entsprechende Marktbericht des Bundesamtes für Landwirtschaft keine Aussagen. Unter dem Strich verdienen Bauern immer weniger am Konsumentenfranken: Bei der Milch bleiben noch 43 Prozent, beim Fleisch nur 33 Prozent, bei den Eiern 45 Prozent, beim Gemüse 40 Prozent und bei den Früchten 42 Prozent.

Die übrigen 55 bis 67 Prozent bleiben in den nachgelagerten Stufen; sie bleiben bei Bell ebenso wie bei Fenaco-Betrieben, bei Emmi und Coop und Migros. Und mit dem kümmerlichen Rest des Konsumentenfrankens werden dann noch teure Dienstleistungen oder noch teurere Landmaschinen gekauft. Die Loch in der Kasse stopfen dann entweder die Direktzahlungen oder andere, weitaus weniger geordnete Einkünfte. Und so wird deutlich, dass selbst die Agrarpolitik eben nicht nur für die Bauern von Bedeutung ist. Sie ist auch für Futtermühlen und Stallbaufirmen, für Landtechnik-Zulieferer, Abnehmer und Detailhändler wichtig.

So spricht man längst vom «Durchlauferhitzer», in dem Landwirte nichts anderes machen, als Geld, dass sie vom Bund erhalten, gleich wieder weitergeben. Unter dem Strich bleibt dem Landwirt in diesem System ein Leben an der relativen Armutsgrenze, mit einer prekär-knappen AHV und dem kalten Atem seiner Schuldner im Nacken. Richtigerweise müsste man die Agrarpolitik deshalb wohl eher der Entwicklungshilfe für mittelständische Unternehmen zuschreiben und nicht dem Agrarbudget. Spätestens, wenn SVP-Nationalrat Werner Salzmann (BE), der gleichzeitig den Landtechnikverband präsidiert, das Wort für eine gewisse Agrarpolitik ergreift, wird nämlich klar, dass die Agrarpolitik noch ganz anderen Herren dient; ja sogar dienen muss, damit sie Mehrheitsfähig bleiben kann.

Man müsse halt die Verantwortung wahrnehmen, heisst es dann allenthalben, und man müsse Eigenverantwortlich handeln; selbst dafür sorgen, dass die Schuldenfalle nicht zuschnappt und der Abnehmer nicht zu mächtig wird. Das stimmt schon – wenigstens aus Sicht von Wirtschaftsverbänden. So gesehen bleibt einem Landwirt praktisch nicht mehr viel anderes übrig, als mit einem T-Shirt hausieren zu gehen, das ihn als ziemlich schlechten Geschäftsmann dastehen lässt.

Allerdings ist es nicht alleine die Schuld der Landwirte, dass sie sich in der heutigen Wirtschaftswelt nur schwer behaupten können. Es ist auch so, dass die Wirtschaftswelt die Landwirtschaft nicht wirklich versteht. Denn die Landwirtschaft ist abhängig vom Boden; von Humus, Millionen von Mikroorganismen und Wurzeln. Sie arbeitet mit und in der Natur, muss Wettereinflüsse ebenso berücksichtigen wie Krähen, die nach der Saat das Feld leerpicken wollen. Und sie muss ihre Produktionsgrundlage selbst immer erneuern. Es gibt keinen vernünftigen Ackerbauern, der jedes Jahr neuen Boden kauft, auf dem er dann Weizen anbaut.

Demgegenüber steht eine Wirtschaftsordnung, die Wettbewerb als richtig erachtet und die annimmt, dass die Wirtschaftsfaktoren Arbeit, Boden und Kapital frei verschiebbar sind. In der Folge entstehen überall dort Unternehmen, wo mit der Schaffung einer Organisation Transaktionskosten gesenkt werden können. Das heisst, überall dort wo eine Organisationsstruktur ein Problem effizienter löst, als eine Gruppe von Individuen kann ein Unternehmen oder eine (staatliche) Organisation entstehen. Die Wirtschaftsordnung lässt dabei verschiedene Möglichkeiten der Organisation zu; vom Marktplatz mit den vielen Individuen bis hin zur vollständig formalisierten Unternehmung mit klaren Prozessen und Verantwortlichkeiten. Beispiele dafür finden sich bei Fenaco, bei Emmi und Migros und Coop und allen anderen Grossunternehmen. Sie alle sorgen nämlich zusammen mit den Bauern dafür, dass die Konsumenten möglichst effizient zu ihren Lebensmitteln kommen können.

Problematisch ist das erst, wenn die einzelnen Akteure zu gross werden; dass Migros und Coop Importkontingente zurückhalten, um Mitbewerber auf Distanz zu halten, ist ein offenes Geheimnis. Dass Fenaco, Migros und Coop vom Grenzschutz (ungerechtfertigt) mitprofitieren, darauf wies das Bundesamt für Landwirtschaft schon mehrmals hin. Das ist insofern bedenklich, als dass es sowieso die Bauern sind, die dem Detailhandel die schönen Bilder von der Kuh auf der Weide und dem Huhn im Auslauf bieten. Es sind die Bauern, die für die Qualität der Produkte sorgen. Und es sind die Landwirte, die dafür entschädigt werden wollen. Und zwar fair und gerecht und zufriedenstellend. Das ist richtig, aber der blosse Wunsch hilft gerade in hierarchischen Strukturen, bei denen Macht und Einfluss asymmetrisch verteilt sind, nicht weiter. Denn die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Macht haben in diesem Spiel die Organisationen. Selbst wenn vollständige Transparenz  über die Margenverteilung herrscht, bliebe das Machtgefälle bestehen.

So kann das T-Shirt tatsächlich aus dem Schlamassel helfen; es ist der humoristische Umgang mit einer eigentlich wenig perspektivenreichen Ausgangslage. Aber das ist nicht alles. Es braucht auch Landwirte, die so gute Produkte herstellen, dass die Abnehmer auf die Landwirte angewiesen sind.

Die offeneren Märkte machen in der Schweiz paradoxerweise ein Race to the top möglich; und strafen so alle diejenigen Lügen, die das Gefühl haben, mit mehr Freihandel geht alles vor die Hunde. Solange aber selbst Landwirte und ihre politischen Vertreter das Gefühl haben, ihre Produkte und Dienstleistungen seien nichts wert, solange ist es tatsächlich einfacher, von den Bauern zu leben statt vom der Landwirtschaft als solches.

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