Maria Schiffer will immer in die Küche, obwohl sie sich nicht fürs Essen interessiert. Sie will in die Küche, obwohl sie sich zum Kochen eigentlich nie richtig Zeit nimmt und obwohl sie eigentlich gar nicht so richtig kochen kann. Aber die Küche ist der beste Ort für gute Gespräche. „Wenn man in die Küche geht, kommt man zu den Menschen“, sagt die Fotografin.

Sie muss es wissen. Sie ist gerade dabei, den afrikanischen Kontinent für sich neu zu entdecken. Ihr Weg führt dabei über die Küchen Madagaskars, über die Kochtöpfe Ugandas und die Gewürze Malawis,über die Feuerstellen Marokkos und das Brennholz Namibias, über die Rezepte aus São Tomé und Principe ebenso wie über den Wein Südafrikas. Aus den Eindrücken soll ein Kochbuch entstehen. Der Titel: „Eating with Africa“ – Essen mit Afrika.
„Eating with Africa“ soll Menschen verbinden
Das Buch soll die Angst vor dem nehmen, was Afrika in unseren Köpfen sein kann: eine Katastrophe, Herkunftsland von Flüchtlingen, Ort von Aids-Epidemien und Hungersnöten, ein Land und kein Kontinent. Mit 50 Rezepten und Begleittexten will Schiffer den Vorurteilen zu Leibe rücken. Sie will zeigen, wie vielfältig der Alltag in den verschiedenen afrikanischen Ländern ist. Sie will die Geschichten von Menschen zeigen. „Ich will, dass die Menschen, die mein Kochbuch lesen, ein Gefühl für den Kontinent erhalten können“, sagt sie. Schiffer nutzt dazu Charme, ihre Kamera und die sozialen Medien.
Ende 2018 war sie wieder in Afrika unterwegs, reiste von Berlin nach São Tomé, von da weiter nach Namibia, über Malawi und Uganda nach Ruanda, und von dort weiter nach Madagaskar und Äthiopien. Mitte Januar landete sie wieder in Berlin und fand sich in einem riesigen Berg an Material wieder. „Das Ankommen ist sehr hart. Ich merke jetzt, wie viel noch zu tun ist, manchmal frage ich mich, warum ich überhaupt mit dem Projekt angefangen habe“, sagt sie. Und dann ist da noch die Einsamkeit: Maria Schiffer ist Single. In Äthiopien hat sie gesehen, wie stark prägend die Esskultur für das Familienleben ist. „Die Menschen treffen sich beim essen.“ In Berlin muss sie wieder damit klarkommen, dass sie alleine ist. Und sie muss damit klarkommen, dass sie nicht mehr so oft im Mittelpunkt steht.
Mora, Mora…
Sie, die immer redet und gerne unter Strom steht, unterwegs ist und etwas unternimmt, fand Gefallen am afrikanischen Rhythmus. Nicht weil alles immer sofort verfügbar ist, sondern weil es immer etwas zu entdecken gibt. Auch die ständige Kommunikation zwischen ihr und ihrer Umwelt hat ihr gefallen. Sie war beeindruckt von der Gelassenheit der Menschen, auch wenn sie selbst, wie sie sagt, meistens „bzzz“ ist. In Madagaskar hat sie ihr Guide ständig daran erinnert, dass sie nicht so schnell sein soll. „Er hat dann gesagt: Mora, Mora.“ Mora, Mora meint langsam, langsam und wird immer dann verwendet, wenn es nicht ganz so schnell geht, wie man das erwartet. Es ist eine von vielen Momenten, Episoden und kleinen Geschichten, die sie im Gespräch zum Besten gibt. Keine Frage, die Menschen dort liegen ihr am Herzen. Sie will neutral, aber mit schönen Bildern, über das Leben in Afrika berichten. Sie will zeigen, wie reichhaltig die Länder und die Küchen sind und wie falsch die alten Bilder sind, die wir von Afrika haben.
Dazu hat sie in den letzten drei Monaten versucht zu verstehen, was das Leben in den verschiedenen Ländern ausmacht. Gefunden hat sie vor allem viele neue Bekanntschaften und nach eigenen Angaben 57 513 Bilder. Geblieben ist die Erkenntnis, dass am Essen viel mehr hängt, als die blosse Kalorienaufnahme. „Es ist schon krass, wie das alles zusammenhängt“, sagt Schiffer. „Das Essen ist immer frisch, immer regional. Das, was man sich leisten kann und was dort angebaut wird.“
Sie erinnert sich daran, wie sie in São Tomé und Prìncipe mit zwei Männern kochte – „wir haben das ganze Essen aus dem Dschungel geholt – sogar die Schnecken“, sagt sie und lacht. Die zwei Männer hätten unter Palmen gelebt, Palmwein hergestellt, derweil ihre Frauen in der Stadt arbeiteten. Schiffer erinnert sich daran, wie aus der Palmfrucht, Gewürzen und Knoblauch eine „wahnsinnig leckere“ Sosse entstand. „Daneben gab es Brotfrucht und Schnecken.“ Die Brotfrucht hätten sie direkt von den Bäumen geholt, die Schnecken im Dschungel gesammelt, gekocht und gegessen. „Ich weiss nicht, ob die Schnecken knusprig sein sollten – dieses knackige Muskelding war nicht so meins“, sagt sie und lacht. „Es war super, dass es zwei Typen waren, und keine Frauen. Und mich hat es berührt, dass auch die zwei Männer die Idee super fanden, mit mir zu kochen.“ Die Schnecken werde sie garantiert kein zweites Mal essen. „Aber die Geschichte kann ich gerne noch einmal erzählen.“ Sie lacht.
Dranbleiben, unten geht es weiter
Maria Schiffer zu Stichworten
Madagaskar: Mora Mora.
Uganda: Die freundlichsten Menschen der Welt.
Malawi: Dort sind sie auch freundlich (überlegt). Malawi ist eine Überraschung, der Rohdiamant Afrikas.
Marokko: Schwierig (lacht). Marokko ist rough. Da muss man hinter den Tourismus-Vorhang, um das echte Marokko zu entdecken.
Namibia: Namibia war ein Abenteuer und eine positive Überraschung.
São Tomé und Prìncipe: Ein magischer Ort.
Südafrika: Wunderschön, hat einfach so viele Probleme. Südafrika ist eine wunderschöne Komplikation.
Essen: Keep it simple. Behalte es einfach und regional.
Kochen: Das macht man zusammen.
Abwaschen: Unterschiedlich. Manchmal machen das die Kinder, dann der Mann, oder sonst jemand.
Einkaufen: immer beim Nachbarn – oder mindestens dann, wenn es geht.
Zwiebeln schneiden: (lacht) Schneide aus der Hand, benutze nie ein Brett.
Idealerweise zeigt Maria Schiffer einen Ausschnitt aus dem afrikanischen Alltag in und um die Küche. Ein Kochbuch sei ein einfaches Medium, sagt sie. Ein Medium, das für Hausfrauen und Politiker gleichermassen interessant sein kann. „Ich versuche lediglich möglichst wertfrei wiederzugeben, was gesagt wird“, erklärt Schiffer. Sie will zeigen, „dass nicht jeder in Afrika verhungert.“
Schiffer nutzt dabei schön komponierte, technisch einwandfreie Bilder und kurze, erklärende Texte. Wie viele Menschen sie mit „Eating with Africa“ erreichen kann, ist offen – das Interesse an den Bildern und Geschichten sei sowohl in Europa als auch in Afrika vorhanden. Allerdings provoziert sie mit ihrer Arbeit auch Kritik. „Manche sagen, ich zeige Afrika nicht positiv genug“, sagt sie. Mein Eindruck nach dem ersten Gespräch war, dass „Eating with Africa“ vor allem ein Projekt für relativ reiche, unternehmungslustige Weisse ist. Ein Projekt von einer Fotografin, die weiss, wie gute Bilder funktionieren, diese inszeniert und aus Afrika exportiert. Der Darstellung hat Schiffer bei der Freigabe des Textes dezidiert widersprochen. Eigentlich würde sie sich sehr oft gerne einfach zurückziehen und dem Rummel entfliehen. Trotzdem macht sie weiter, weil sie glaubt, dass sie mit persönlich erzählten Geschichten den Menschen in der westlichen Welt den afrikanischen Kontinent näher bringen kann.
“ Viele Menschen, die ich getroffen habe, haben gar keine andere Wahl. Sie müssen darauf vertrauen, dass es gut kommt.“
Maria Schiffer über die Tatsache, dass die Zukunft nicht planbar ist.
Einfach ist das nicht – weder in Europa noch in Afrika. Sie musste erfahren, wie schwer es ist, zu erklären, dass sie sich zwar die Reise gerade so finanzieren kann, für eine finanzielle Unterstützung vor Ort aber zu knapp bei Kasse ist und keine Wohltätigkeitsveranstaltung sei. In Europa derweil wird sie in Gesprächen über ihr Buch immer wieder mit der impliziten Erwartung, ein Hilfswerk aufzubauen, konfrontiert. Ihre Haltung dazu ist klar: „Nur weil ich Weiss bin, soll ich den letzten Cent spenden? Das geht doch nicht“, findet sie.
Es ist vielleicht diese Haltung, die am ehesten zeigt, wie sehr es beim Projekt „Eating with Africa“ darum geht, unterwegs zu sein und bewährte und einstudierte Grundhaltungen abzulehnen und nicht in den bekannten weisse-Frau-rettet-schwarzen-Mann-Mustern zu denken. Schiffer selbst findet sich mit „Eating with Africa“ mitten in der Diskussion darüber wieder, wie Europäer über Afrikaner und Afrikaner über Europäer denken. Um den Stereotypen zu entgehen, sollen einfach Begegnungen passieren. Die Küche ist dafür ein idealer Ort. Nirgendwo sonst müssen wir mit uns so ehrlich sein. Wasser kocht immer bei 100 °C, egal, ob der Hausmann oder die Politikerin die Pfanne auf den Herd setzt.
Eating with Africa zeigt ein überraschendes Bild von den Menschen in Afrika. Ich merke, auch ich habe ein falsches Klische von Afrika im Kopf. Da verhungern nicht alle, Gewallt ist offenbar nicht alltäglich. Die Afrikanter leben offenbar nicht zu 100 Prozent von den Hilfspaketen der UNO und der Entwicklungshilfe-Industrie. Sie beschaffen sich Nahrungsmittel lokal und regional und kochen und essen gemeinsam. Wunderbar. Aber dieses Klische ist offenbar in verbreitet: Ein weisser Mensch hat unendlich viel Geld, ja eine Bank zuhause, und er soll uns doch bitte bares Geld geben. Für das ist er ja schliesslich zu uns nach Afrika gekommen. Da drängt sich mir die Frage auf: Hat sich die übrige Welt in der Vergangenheit zu viel in Afrika eingemischt? Und mischt sich heute noch zuviel ein?