Es war und ist eine kleine Wette auf die Zukunft. Eine Wette, die mir einiges an Freude und Arbeit bescherte. Es war ein Mini-Projekt in einem riesigen Land, das ich nun weitestgehend abgeschlossen habe. Für mich geht quasi eine dreissigmonatige Safari zu Ende, auf der ich nie so genau wusste, was als nächstes kommt. Zeit für ein kleines Fazit.

Eines vorneweg: Das ist kein gewöhnlicher Beitrag, in dem ich mich mit einem aktuellen (landwirtschaftlichen) Thema befasse. Dieser Text hier ist der Versuch, ein Abenteuer in Worte zu fassen, das mich seit November 2016 beschäftigte.

Alles begann mit einem Porträt und einem ersten Treffen am Fischmarkt in Dar Es Salaam (Tansania). Etwas überfordert vom Lärm, den vielen Leuten und den kritisch-neugierigen Blicken, stand ich am Eingang und wartete. „Is it you?“ fragte mich eine Stimme von der Seite – es dauerte einen Moment, bis ich begriff, dass mich mein Guide, mit dem ich mich hier verabredet hatte, längstens erkannt hatte.

Das war im September 2016, als ich mich erstmals so richtig auf dem afrikanischen Kontinent wiederfand und nicht recht wusste, wie mir geschah. Als Praktikant im Rahmen des MAZ-Stages bei der Tageszeitung The Citizen erhielt ich das Privileg, zu schreiben, was immer mich interessierte. Und über Mitarbeitende der Schweizer Botschaft wurde mir der Einstieg insofern erleichtert, als dass ich verschiedene Kontakte erhielt. Ein Kontakt war ein gewisser Kizito. Ein junger Mann, der früher für die Tourismus-Firma Afriroots als Guide gearbeitet hatte und damals auf eigene Faust Stadttouren durchführte. Er sei gut, hat es geheissen. Und er holte mich an diesem Morgen am Eingang zum Fischmarkt an der Kivukoni-Waterfront ab, um mir einen ersten Eindruck von einer der am schnellsten wachsenden Städte in Afrika zu vermitteln.

Etwa drei Stunden später sassen wir im Garten des nationalen Museums. Kizito erzählte mir, wie sein Verhältnis zu seinem Vater aufgrund dessen Alkoholabhängigkeit schwierig war. Er erzählte, wie er in Südafrika im Gefängnis landete, weil er Drogen auf den Strassen Johannesburgs verkaufte. Und er erzählte mir, wie er nach Tansania zurückgeschafft wurde und auf der Suche nach einem neuen Leben war. Er träumte davon, dereinst ein eigenes Unternehmen zu führen und als Tourguide zu arbeiten. Das Porträt über Kizito war der erste Text, den ich im Citizen veröffentlichte. Und es war Kizito, der mich auf meinen verschiedenen Touren durch die Stadt – vom Viehmarkt in Pugu, über das Schlachthaus Vingunguti bis zu den Stadtbauern in Mzimbazi und den Händlern in Kariakoo und Tandale – begleitete. Als Übersetzer und Guide hat er mir sehr gute Dienste erwiesen.

2016: Kizito (vorne, links) mit den Viehändlern von Pugu auf einer der vielen Touren, bei denen er mich begleitet hat.

Es dauerte ein paar Wochen, bis wir auch über seine Zukunft sprachen und schliesslich an einem Mittag auf einer Serviette (kein Witz!) das erste Geschäftsmodell für Kizito Tours skizzierten. Die Idee war damals einfach wie bestechend: Stadt- und Markttouren in Dar Es Salaam anbieten. Zu Fuss oder mit dem öffentlichen Verkehr. Wir wollten den Gästen einen kleinen Einblick in eine Welt gewähren, die ganz ähnlich und doch so anders ist. Ende November  2016 ging die Webseite www.kizito-tours.com live. Im Dezember hatten wir die allerersten Touren und schafften es mit Hilfe einer Rechtsberaterin, die Firma beim tansanischen Handelsregister (Brela) zu registrieren. Seither gehören mir 40% von Kizito Tours – umgerechnet 400 USD. Die übrigen 600 USD gehören formell Kizito, der gesamte Betrag von 1000 Franken schoss ich ein.

Es war für mich so etwas wie Spielgeld und eine kleine Wette auf die Zukunft. Wie so oft habe ich mir nicht allzu genau überlegt, was ich tat, dachte viel eher, dass das Projekt noch lustig sein könnte – so wenigstens erklärte ich es kürzlich beim Nachtessen mit einem Freund. Zwar gibt es einen Vertrag, der regelt, wie mir Kizito das Geld zurückbezahlt – bis jetzt ist das Papier aber vor allem eines geblieben: Geduldig. Dafür hat sich Kizito Tours in den letzten zweieinhalb Jahren im Verhältnis zu den vorhandenen Kompetenzen und Ressourcen ganz ordentlich entwickelt.

Kizito erhält ein kleines Gehalt, die Gäste sind zufrieden und haben uns bei Tripadvisor auf Platz 1 der Outdoor-Aktivitäten in Dar Es Salaam gewählt. Zudem kann Kizito mittlerweile ein paar Kollegen ebenfalls als Guides einspannen und ihnen auf Auftragsbasis einen kleinen Lohn bezahlen. Ich selbst bin – besser gesagt war – im Hintergrund: als Buchhalter, als Kommunikations- und Geschäftsberater und Gesprächspartner versuchte ich, die Entwicklung so zu steuern, dass wir unsere bescheidenen Mittel nicht unnütz zum Fenster rauswarfen. Im ersten Jahr hat es leidlich geklappt, das zweite Jahr indes war überraschend gut – wir konnten rund 270 Gäste durch die Stadt führen, hatten 128 Buchungen. Das war viermal mehr, als wir erwartet hatten.

Kizito und ich telefonierten bisher fast wöchentlich – meist am Samstag- oder Sonntagmorgen, sprachen über Probleme, neue Ideen und das Tagesgeschäft. Wir planten Werbemassnahmen, gingen Offerten durch und versuchten, das Geschäft zu entwickeln. Die Notizen dazu umfassen mittlerweile 36 Seiten und zeigen vor allem eines: Es ist schwer, eine Firma mit aufzubauen, wenn man fast 10’000 Kilometer weiter nördlich zu Hause ist, das Rechtssystem kaum versteht und daneben als Journalist eigentlich ganz andere Dinge macht.

Alleine die Tatsache, dass ich vor Ort nicht das Netzwerk aufbauen konnte, um die Firma zu entwickeln, hat die ersten 30 Monate erheblich erschwert. Zum Glück gab (und gibt) es helfende Hände, die mit Rat und Tat zur Seite stehen. Dank dem Kontakt eines Kontaktes ging es dann mit den Lizenzen im letzten Herbst langsam schneller vorwärts, als vorher. Dennoch war das Unternehmen Kizito Tours mit meinen eigenen Plänen bald nicht mehr so richtig vereinbar. Grund dafür war der Entscheid, stärker auf den Journalismus zu setzen und die damit verbundene Entscheidung, noch eine Weiterbildung zu machen. Kizito und ich diskutierten das weitere Vorgehen und kamen zum Schluss, dass mein Ausstieg die klarste und beste Variante ist, um die Firma wirklich auf gesunde – sprich tansanische – Füsse zu stellen.. Das war im Herbst 2018.

Die Entscheidung begleitete der Entschluss, noch einmal nach Tansania zu reisen. Um die Leute kennenzulernen, mit denen Kizito in den letzten Monaten zusammenarbeitete. Um Shimbi meine Aufgaben zu übergeben. Und um mit Kizito noch das eine oder andere Bier zu trinken und noch einmal einzutauchen in die wilde, herzliche und farbenfrohe Welt Tansanias.

2019: Vor dem Abflug in Dar Es Salaam. Rechts Shimbi, in der Mitte Kizito.

Genau das haben wir die letzten zwei Wochen gemacht – und jetzt ist alles vorbei. Meine Aktien gehören Shimbi, einem Cousin von Kizito, der zudem meine bisherigen Aufgaben übernimmt. In den letzten zwei Wochen haben wir noch ein paar neue Angebote definiert, Kizito, Shimbi und ich verbrachten die letzten Tage damit, die Werbekampagnen und die verschiedenen Kommunikationsmittel aufzubauen. Und wir haben uns über die nächsten Schritte unterhalten, die sie nun gehen wollen. Das liegt nun nicht mehr in meinen Händen. Und das ist gut so. Und das beste ist: Ich habe mein Versprechen eingehalten und komme ohne ein neues Projekt nach Hause 🙂


Für mich bleiben aber ein paar Erkenntnisse – wobei ich noch nicht weiss, was ich damit anstellen werde.

Ever Tried.
Ever Failed.
No Matter.
Try Again.
Fail Again.
Fail Better.

(Samuel Beckett)

In den letzten zwei Jahren habe wir ein paar Ideen gehabt, die dann irgendwann einfach abgesoffen sind. Weil sie nicht umsetzbar waren. Weil wir nicht wussten, wo anfangen. Weil wir nicht genügend Geld hatten. Geschadet haben die Diskussionen trotzdem nicht – wir wissen heute besser, wo wir stehen, als zu Beginn. Und Fehler (wie jener, mich zum Teilhaber der Firma zu machen) gehören dazu.

„There is always a way in Tanzania.“

Fahrer Abdallah beim Beheben eines Schadens am Front-Stossdämpfer

Wenn es etwas gibt, was ich gelernt habe in den letzten zwei Jahren: Es gibt immer einen Weg. Und egal, welchen man geht, man muss ihn gehen. Zwar kann man umkehren, wenn man an eine Sperre kommt. Stillstehen gilt allerdings nicht. Erschwerend hinzu kommt, dass die tansanischen Wege der Behörden meist weniger sichtbar sind, als Fährten von Impalas oder von Vögeln. Es braucht vor allem die richtigen Kontakte, um vorwärts zu kommen.

„Cash is King.“

Die einfachste aller Geschäftsregeln

Gut, der ist alt. Aber ohne flüssige Mittel läuft gar nichts. Es ist zwar im Dienstleistungsbereich möglich, mit sehr wenig Startkapital eine Firma aus den laufenden Einkünften zu entwickeln. Es braucht zwar etwas mehr Zeit und sorgfältige Management-Entscheidungen, aber es geht.

„In preparing for battle, I have always found that plans are useless. But planning is indispensable.“

Dwight D. Eisenhower über Sinn und Unsinn von Plänen

Die Umsetzung von neuen Lösungen ist (siehe oben) von einigen unbekannten Faktoren geprägt. Deshalb aber auf einen Plan zu verzichten, wäre falsch. Es lohnt sich, eine Idee rasch zu konkretisieren. Wird nämlich ein Plan in den Diskussionen nicht greifbar, ist es unwahrscheinlich, dass er jemals realistisch wird.

„The best way to predict your future is to create it“

Abraham Lincoln soll das gesagt haben.

Wenn ich etwas gelernt habe, in den letzten zwei Jahren, dann dass die Zukunft gestaltet werden kann. Die Denkmuster und die Haltung, die man hat, prägen Routinen und daraus auch die Prozesse, die eine Firma hat. Und es sind diese Prozesse, die Wachstum möglich machen können (oder nicht). Im Falle von Kizito Tours hat das teilweise geklappt, teilweise überhaupt nicht.
Und noch etwas ist mir geblieben: es lohnt sich, von Anfang an die rechtlichen Fragen so umfassend wie möglich zu klären.


„You can’t climb the ladder of success with your hands in your pockets. You must work your ass off!“

Arnold Schwarzenegger

Punkt, Schluss. Ich werde die Anrufe am Samstag oder Sonntag am Morgen (meist zwischen 06:00 und 09:00) vermissen. Die Frage, ob ich mit der Arbeit bei Kizito Tours tatsächlich Erfolg hatte, kann ich indes nicht beantworten. Betrachtet man die Rückmeldungen auf Tripadvisor, die vielen Menschen, die das Unternehmen unterstützen, dann war und ist es ein Erfolg. Die kleine Wette  auf die Zukunft habe ich insofern gewonnen, als dass Kizito eine Möglichkeit hat, sein Auskommen fortan selbst zu bestreiten. Verloren habe ich vor allem in Bezug auf die rechtlichen Fragen und die Entwicklung der Firma. Erstere konnte ich nicht klären, letztere liegt und lag immer in den Händen von Kizito. Ich habe nicht viel gemacht, um Kizito Tours in der Schweiz zu promoten. Aber auch das ist eine Erkenntnis aus den letzten zwei Jahren: man kann immer mehr machen. Es ist immer mehr möglich und wünschbar. Von daher und in Anbetracht der Entwicklung ist das also durchaus Jammern auf hohem Niveau.

Die kleinen Lektionen sind vielleicht nicht das, was Sie als Leser erwartet haben. Aber es sind jene, die ich mitnehme, die für mich unmittelbar sichtbar sind. Trotzdem ist eines klar: ich würde ein solches Projekt sofort wieder machen – alleine deshalb, weil es Freude bereitet, Dinge zu entwickeln und irgendwann festzustellen, dass es eben doch eine Rolle spielt, was man macht.


Weil es so schön war hier noch ein paar Bilder…

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