Die letzten Tage bin ich zweimal wieder bei der Frage gestrandet, was denn wäre, wenn wir Tiere nicht mehr nutzen würden. Wer regelmässiger hier ist, der weiss, dass ich immer wieder über unser Verhältnis zum Tier und zum Fleischkonsum schreibe. Zum Beispiel darüber, wie das Fressen vor der Moral kommt, über die grösseren und unbeantworteten Fragen oder über arbeitsteilige Schlachthöfe in Tansania.

Zunächst hat mich eine Kollegin auf den Podcast „Der 8. Tag“ aufmerksam gemacht. Die 73. Folge vom deutschen Journalisten Gabor Steingart dreht sich mit Roger Lienhard als Gast um die Frage der Fleischalternativen. Lienhard gehört zu den Pionieren der Lebensmittelindustrie, hat 10 Jahre in der IT, 20 Jahre in der Werbung zugebracht und mit dem Umzug nach Kalifornien die Welt der pflanzenbasierten Alternativprodukte zu Fleisch kennengelernt. Mit seiner Firma „Blue Horizon“ investiert Lienhard seit sechs Jahren in Startups, die Fleischalternativen entwickeln. Lienhard zeigt sich im Gespräch mit Steingart überzeugt, dass die Zukunft der Ernährung fleischlos sein wird. Er führt alles an, was gegen die Nutzung von Tieren spricht: ethische Bedenken, Landnutzung, Emissionen, negative Folgen für die Gesundheit, Ineffizienz, die Kosten.

Fleischalternativen haben laut LIenhard das Potenzial, sich durchzusetzen. Und zwar einfach deshalb, weil sie im Vergleich zu „echten“ Fleisch- und Milchprodukten günstiger und besser sind. In eine ähnliche Richtung weist ein Artikel der NZZ am Sonntag vom 3. Oktober 2020. So sind es Investoren wie Lienhard, die aus Sorge ums Klima, der Übernutzung natürlicher Ressourcen und im Hinblick auf das Bevölkerungswachstum massiv in neue Lebensmittelmärkte investieren.

Für sie steht ausser Frage, dass es Alternativen braucht. Denn die Bevölkerung wird nicht nur grösser, sie konsumiert immer mehr tierische Produkte und höherverarbeitete Lebensmittel. Die Nahrungsmittelindustrie hat in den letzten Jahrzehnten in der Zeitknappheit der Konsumenten_innen eine Goldgrube gefunden und mit Convenience-Produkten stetig neue Bedürfnisse geschaffen bzw. abgedeckt. Verstehen Sie mich nicht falsch: Convenience-Produkte sind nicht grundsätzlich schlecht. Eine Büchse Ravioli, im Ofen mit Käse gratiniert. Superschnell, supereinfach. Und hin und wieder ein Festessen.

Das eigentliche Problem ist das Ungleichgewicht: Wenn Convenience-Produkte, die häufig zur Geschmacksverbesserung fett-, zucker- und salzreich sind, günstiger sind, als frisches Obst und Gemüse, dann ist Übergewicht die Folge. Sind weder frische noch verarbeitete Lebensmittel verfügbar, dann folgt Hunger. Die Konsequenzen sind Übergewicht auf der Einen, Hunger und Mangelernährung auf der anderen und Umweltprobleme auf beiden Seiten.

Die NZZaS zeigt die vermutliche Entwicklung der Preise.

Fleischersatzprodukte können helfen. Nur: Die Rechnung wird ohne die 450 bis 500 Mio Kleinbäuerinnen und -Bauern gemacht, die Weltweit in irgend einer Form von der Tierhaltung abhängig sind. Auch Nährstoffkreisläufe sind im Gespräch zwischen Lienhard und Steingart kein Thema; die Rohstoffe sind ja auf wundersame Weise einfach da, so scheint es. Mir hat sich bis heute noch nicht erschlossen, wie ich Fleischalternativen aus dem Labor in diese Kreisläufe einbetten kann.

Das zweite Mal erwischt hat mich der Umgang mit Tieren völlig unerwartet: beim Newsletter-Dienst Mailchimp irgendwann mitte Woche. Mailchimp hat unter dem Titel „Mailchimp presents“ Inhalt zusammengetragen, der Unternehmergeist feiert. (Auf englisch tönt das irgendwie besser: Mailchimp Presents is a collection of original content that celebrates the entrepreneurial spirit). Der Film rückt das Leben von Jay Wilde ins Zentrum. Wilde ist Landwirt in Grossbritannien, Vegetarier und hat sich gefragt, wie denn das Leben seiner Tiere besser sein könnte. Die Dokumentation (hier die ganze Fassung) wurde 2018 veröffentlicht – alleine der Trailer lässt vermuten, dass Wilde lange mit sich gerungen hat.

Bei der Recherche stelle ich fest, dass die BBC Wilde 2017 porträtiert hat. Der Landwirt machte damals Schlagzeilen, weil er beschloss, seine Herde einem Gnadenhof zu spenden statt zum Schlachter zu fahren. Im Beitrag beschreibt Wilde, wie er seine Tiere als einzelne Individuen wahrnimmt; als Wesen mit unterschiedlichen Charakterzügen und Emotionen. In einem Interview mit der Tierrechtsbewegung Sarx, das rund um den Film 73 Cows erschienen sein dürfte (ein Datum finde ich nicht), erklärt Wilde die Schwierigkeit, sich aus den alten Denkmustern und Verhaltensweisen zu lösen und seinem Gewissen zu folgen.

Was aus dem Betrieb wurde, finde ich auch nach längerer Recherche nicht heraus – es blieb bei den Beiträgen von der Spende und dem Dokumentarfilm. Aber beides genügt, um mich wieder auf die Frage zurückzuwerfen: ist die Art und Weise, wie wir als Gesellschaft mit Tieren umgehen, richtig?

Vielleicht, vielleicht auch nicht. Es kommt mindestens auf den Kontext an. Und nein, die Schweizer Landwirtschaft ist nicht über alle Zweifel erhaben. Alleine die Beobachtung, dass kein Landwirt, keine Landwirtin Tiere gerne verlädt und zum Schlachter fährt, deutet darauf hin, dass die Tierhaltung nicht frei von Stress ist. Nur: wir haben uns daran gewöhnt.

In einem Gespräch mit der BauernZeitung meinte der deutsche Tierethiker Philipp von Gall, dass wir Tiere nicht unbedingt brauchen. Und er vertrat die Ansicht, dass Tiere ihre Interessen durch eine demokratisch legitimierte Institution vertreten lassen sollen. Diese Institution (eine Partei, eine Behörde/Amt) würde sich im Interesse der Tiere am demokratischen Prozess beteiligen und mit den übrigen Teilen der Gesellschaft quasi die Nutzungsbedingungen aushandeln. Ähnlich einer Gewerkschaft würde diese Institution festlegen, zu welchen Konditionen Tiere ihr Leben in den Dienst der Landwirte_innen stellen. Ob dafür die Tierrechtsorganisationen richtig sind, kann ich nicht beurteilen. Wir wissen nicht, ob die Kühe meines Bruders Tier im Recht das Mandat geben würden, für sie zu sprechen (hmm… Vielleicht wissen wir das nie). Zweitens konnten sich Parteien, die nur aufgrund gemeinsamer Interessen entstanden, in der Schweiz bisher nie langfristig etablieren.

Was mich überrascht – und warum hier wieder ein Blogpost zum Thema Tierhaltung und Fleischkonsum steht – ist die Persistenz des Themas. Immer wieder taucht die Frage auf, wie wir zu unseren Tieren stehen; ob es richtig ist, sie zu nutzen. Ob es Sinn hat, sie für unsere Fleischesslust zu töten. Einfache Antworten gibt es auf die Frage nicht. Fest steht: es wird noch ein paar Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern, bis wir soweit wären, dass Tiere sich gewerkschaftlich vertreten lassen. Es ist nicht einmal sicher, ob das die beste Lösung wäre. Und die Verfügbarkeit von Fleischalternativen wird den Konsum und damit mittelfristig die Landwirtschaft verändern. Es bleibt zu hoffen, dass die Versprechen einer gesünderen Welt eingelöst werden.

Wird Fleisch auf dem Speiseplan und damit die Tierhaltung dereinst verschwinden? Zweifel sind angebracht. Und Fee Badenius fragt in ihrem Song Fleischesslust von 2016: „Ich wäre so gerne lieb zu allen Tieren. Nur warum hat Gott sie so lecker gemacht?“

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