Politik lebt von Auseinandersetzungen: die Linke gegen die Rechte, NGO’s gegen Unternehmen, der Bauernverband gegen die Lebensmittelindustrie. Die Grünen gegen die Wirtschaft, die Liberalen gegen die Grünen. Wie auch immer: irgendwer hat immer mit irgendwem wegen irgendetwas Streit. Und es gibt ja auch viel zu politisieren: über die Verantwortung von Konzerne, den Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft, der Schutz der Biodiversität und der Landschaft. Wobei – bleiben wir bei den beiden Initiativen, die den Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft regulieren wollen: die Trinkwasser- und Pestizidverbotsinitiative.

Bis das Stimmvolk am 13. Juni 2021 über die Initiativen befinden wird, werden sich Befürworter und Gegner mit Vorwürfen eindecken. Entscheidendes Erfolgsmerkmal – wenigstens vordergründig – werden nach dem überraschenden Nein zur Revision des Jagdgesetzes im September die Kampagnenbudgets auf beiden Seiten. Im Hinblick auf die Kampagne ist also etwas Respekt ratsam: die Umweltverbände haben gelernt, wie sie schlagkräftig und gemeinsam arbeiten können.

Nicht umsonst heisst es im jüngsten Editorial von «die grüne»: «Tatsache ist aber, dass spendenfinanzierte Organisationen wie GreenpeaceWWFPro Natura und der Schweizer Tierschutz STS zusammen eine finanzstarke Lobby bilden, die für die Schweizer Landwirtschaft zum grossen Problem wird.» und weiter: «Die grösste und bestfinanzierte Lobby in der Schweizer Landwirtschaft sind also die Umwelt- und Tierschutz-Organisationen, die Denkfabriken und Denkwerkstätten. Da haben sich die Schweizer Bauern einen (finanz-)starken Gegner eingehandelt.»

Nur: länger als bis zur nächsten Abstimmung ist diese Feststellung nicht unbedingt gültig. Denn Politik ist ein unendliches Spiel. Die einzelnen Spieler – im Fall der Agrarpolitik sind das politische Parteien, Interessenvertreter aller Couleur und Prägung – können unterwegs die diskursiven Regeln neu definieren. Sie können das Spiel verlassen ebenso wie neue Akteure das Spielfeld betreten können. So ist zum Beispiel der Verein für eine produzierende Landwirtschaft praktisch von der Bildfläche verschwunden, derweil die IG Bauern Unternehmen munter Zulauf erhalten und Öffentlichkeit gefunden hat.

Die Kampagnenbudgets der Umwelt-, Natur- und Tierschutzorganisationen als Problem für die Landwirtschaft darzustellen, greift deshalb zu kurz. Interessen organisieren sich immer in der einen oder anderen Form – manchmal professioneller, manchmal etwas unübersichtlicher. Jüngstes Beispiel ist die Konzern-Verantwortungsinitiative und die diversen Kampagnen von Befürwortern und Gegner. Freilich spielen Gelder und Ressourcen eine nicht zu unterschätzende Rolle in der Wirksamkeit von Kampagnen. Aber nicht nur.

Und: Die Kampagnenbudgets von WWF, Greenpeace, Pro Natura, STS und anderen Organisationen sind nicht das grösste Problem der Schweizer Landwirtschaft. Die tatsächlichen Probleme liegen beim Biodiversitätsverlust, bei der Preisentwicklung, bei den Nährstoffüberschüssen, beim administrativen Aufwand um nur ein paar zu nennen. Deshalb haben auch die finanzstarken Organisationen längst erkannt, dass sie Projekte unterstützen können, die tatsächlich Probleme lösen helfen.

Und: Unendliche Spiele können nicht gewonnen werden. Egal wer mitspielt, egal wer ein- oder aussteigt: es geht einfach weiter. Wo es keinen Sieg gibt, gibt es keine Gewinner und keine Verlierer. Es gibt auch keine Kontrahenten sondern lediglich Kritiker.


Randbemerkung: Ich schreibe diesen Beitrag, weil es mich oft nervt, wenn gesagt wird, dass man gegen die Landwirtschaft ist, nur weil über Lösungen gegen den Biodiversitätsverlust, Nährstoffüberschüsse oder Kulturlandverlust nachgedacht wird. Die Welt da draussen ist komplexer, nicht nur schwarz-weiss (das wurde mir kürzlich beim Mittagessen gesagt und es stimmt). Eines ist dabei klar: Stillstand ist keine Option. Es braucht, wenigstens in kleinen Schritten, Lösungen für die Zukunft: beim Konsum, bei der Produktion und bei der Versorgung.

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