Neulich war ich bei einem Kollegen zum Geburtstagsfest eingeladen. Im Berner Oberland, hoch über Thun hat er zusammen mit seiner Freundin mich und etwa 70 weitere Gäste empfangen. Wie es sich gehört, dauerte es nicht lange, bis mit viel Holzkohle und Liebe der Grill eingefeuert wurde. Eine Stunde später war die Glut heiss, und die Gäste hungrig. Was dann folgte, war ein Bild, das vielen vertraut ist: Schweinsbratwürste teilte sich mit Kalbsbratwürsten, Cervelats und Currywürsten den beschränkten Platz auf dem Grillrost. Dazwischen tummelten sich noch Spiesschen und zwei Gemüseburger.
Die Gemüseburger wurden später von einer jungen Frau verspiesen. Ich habe nicht einmal nach ihrem Namen gefragt, aber ich weiss, dass sie aus ethischen und ökologischen Gründen auf Fleisch verzichtet. Sie findet es nämlich falsch, Tiere für den menschlichen Verzehr zu töten. Und sie findet, dass es der Umwelt besser täte, wenn die Menschen weniger Fleisch essen. Und verzichtet ganz darauf, um den Durchschnitt etwas zu senken, wie sie sagte.
„Weniger Fleisch essen“ lautet die Devise bei den jungen, umweltbewussten Menschen. Weniger Fleisch essen, um die Umwelt zu schonen, um Ressourcen besser einzusetzen. Weniger Fleisch essen, weil man sich dann besser, gesünder und fitter fühlt. Weniger Fleisch essen, weil dadurch weniger Tiere getötet, weniger Leid zugefügt wird. Die Fleischabstinenzler erhalten damit viel Zuspruch, und sie haben Recht. Teilweise mindestens. So ist die Fleischmasse, die wir verzehren – jährlich sind es über 50 Kilo in der Schweiz, gut und gerne 100 Kilo in den USA – ein Problem. Für die Tiere, die Umwelt, die Konsumenten. Nur: alleine weniger Fleisch zu essen, wird kaum dazu führen, dass die Produktionsweise verbessert wird, im Gegenteil. Mit dem sinkenden Fleischkonsum steigt der Druck auf die Fleischproduzenten, noch effizienter ihr Fleisch herzustellen. Weil sie sich dazu in einem quasi geschlossenen System befinden, wobei die Natur durch Inputs und Outputs ersetzt wird, haben sie faktisch keine Wahl als ganz auszusteigen oder ihr System zu perfektionieren. Nur so können Sie zuerst mit dem Kostendruck umgehen. Längerfristig dürfte allerdings tatsächlich die Produktionsweise angepasst werden. Wie dass das aussehen könnte, zeigen schon heute zahlreiche Betriebe.
Einer von ihnen ist der Hof Niederried. (Hier gehts zu einem Interview mit Sam Bühlmann). Sam Bühlmann, sein Bruder und die ganze Familie vermarkten Rindfleisch aus Weidehaltung. Sie tun das mittlerweile aus Überzeugung und auch mit dem Segen der Wissenschaft. So ist bei Rindern, die mit Gras und Heu, aber nicht mit Kraftfutter gefüttert werden, der Methanausstoss geringer. Ausserdem sorgt die Weidehaltung bei richtigem Management dafür, dass die Humusschicht aufgebaut werden kann. Humus bindet CO2 und sorgt damit dafür, dass der Methanausstoss der Kühe kompensiert werden kann. Gleichzeitig wird die indirekte CO2-Bilanz von Fleisch verbessert, weil auf das Kraftfutter verzichtet wird. Der Preis, den man dafür bezahlen muss: 48 Franken je Kilo für ein wunderbares Mischpaket. Gleichzeitig dauert es etwas länger, bis die Tiere schlachtreif sind. Das heisst, während die Klimabilanz verbessert wird, sinkt die Produktivität ein wenig, was zu einem guten Teil den höheren Preis begründet.
Genug der Theorie, zurück zur eingangs erwähnten Party: Das Fleisch stammte vom lokalen Metzger, höchstwahrscheinlich auch von den lokalen Bauern. Der Kraftfuttereinsatz dürfte moderat gewesen sein. Alles in allem doch nicht so schlecht, denke ich. Und beisse in die dampfende Kalbsbratwurst. Im Gegensatz zu der Grillbekanntschaft, die konsequent den eigenen Gemüseburger mitnimmt, kommt für viele andere das Fressen manchmal doch vor der Moral. Denn mit der Moral lässt sich kein Fleisch verkaufen. Mit guten Geschichten hingegen schon.
Bildquelle: Wilhelmine Wulff / pixelio.de
Guter Bericht!
Ich sehe das ähnlich!
LG
Nicole