Die Milchproduktion hat in der Schweiz eine lange Tradition und Kultur. Doch gerade in Peist führen wirtschaftliche Zwänge und gesellschaftliche Entwicklungen zu einem Wandel: die Milchproduktion verschwindet langsam. (Text entstand im Frühjahr 2015)


 

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Jeden Morgen, zwischen 8.00 und 8.30 bringen drei Bauern ihre Milch in die Milchzentrale im Dorfkern von Peist, um sie dort zu wägen und in einem gekühlten Tank zu lagern – denn der Lastwagen kommt nur jeden zweiten Tag vorbei, um die Milch zu sammeln. (Bild Daniel Espinoza)

Die drei Männer treffen sich jeden Morgen zur gleichen Zeit am gleichen Ort. Sie kennen sich – wortlos heben sie die vollen Milchkannen auf die schmale Rampe vor der Türe.

Drinnen ist es kühl, Sonnenstrahlen tanzen auf der Wasseroberfläche im Spültrog und auf den Gesichtern der drei Bauern. Eine Milchkanne nach der anderen wird über ein Sieb in das grosse Becken geleert, das an einer Waage hängt. „246 Kilo“, murmelt der eine und trägt es auf einer Tabelle ein. Das Ventil am Boden der Wanne wird geöffnet, die Milch in den gekühlten Tank gepumpt. Der Milchtankwagen kommt jeden zweiten Tag vorbei und leert den Tank. Die Milch wird ins Unterland transportiert und dort verarbeitet, derweil die drei Bauern wieder Platz haben, um am nächsten Tag die Milch wieder abzuliefern.

Stolze Bauern, die für ihr Produkt zusammenstehen

Und die drei Peister Bauern tun das mit Stolz. Sie sind stolz darauf, dass sie in der Genossenschaft einen Lademengenzuschlag erhalten, weil der Lastwagen nur an der Milchzentrale im Dorf anhalten muss und nicht bei jedem Betrieb einzeln. Sie sind stolz darauf, dass sie es geschafft haben, zusammenzustehen für ihr Produkt, die Bio-Milch.

Doch einfach und selbstverständlich ist das lange nicht mehr. Denn die Milchpreise, die der Produzent erhält, haben sich in den letzten Jahren immer in dieselbe Richtung entwickelt: nach unten. Immerhin sind auch die Konsumentenpreise für Past-Milch im Detailhandel gesunken. Aber nur so weit, dass die Margen bei Verarbeitern und Händlern nicht ernsthaft in Gefahr sind.

Sinkende Preise für ein Lebensmittel, das schon immer wertvoll war

Diese generelle Preisentwicklung schlägt vielen aufs Gemüt, wenn sie gleichzeitig sehen, dass die Preise für Nahrungsmittel im Vergleich zum Milchpreis gestiegen sind. Jungbauern sprechen davon, dass sie in der Milchproduktion keine Perspektive mehr sehen, obwohl Experten ständig davon sprechen, dass die Mich das weisse Gold der Zukunft sei. Die Chinesen, die Japaner, die Russen – alle würden in Zukunft nicht nur länger leben, sondern auch mehr Milch trinken und Käse essen. Milch und Käse, die in der EU, in Australien, Neuseeland, den USA oder auch in der Schweiz hergestellt werden und dann exportiert werden sollen. Denn längst ist aus dem Milchmarkt ein internationales Geschäft geworden. Und damit wird auch die Preisentwicklung immer stärker von internationalen Entwicklungen beeinflusst – ausser man findet eine Nische, die wenig von der gesamtwirtschaftlichen Wetterlage abhängig ist.

International wird der Milchmarkt geflutet

Ist eine solche Nische nicht in Sicht, führen die Marktschwankungen zu enormen Herausforderungen für die Bauern. Nachdem man 2009 die Milchkontingentierung in der Schweiz aufgehoben hat, ist der Milchpreis zuerst gesunken – um danach wieder anzusteigen und 2014 so hoch zu sein, wie nie, seit man die Märkte liberalisiert hat. In den letzten anderthalb Jahren schliesslich ist der Preis regelrecht abgestürzt – in der Schweiz genauso wie in der EU, Neuseeland und den USA. Einerseits hat das Exportembargo gegenüber Russland zu einem Absatzeinbruch geführt. Andererseits hat sich die Nachfrage in China kurzfristig drastisch verschlechtert. Und zu allem hinzu hat die EU im April letzen Jahres die staatliche Milchsteuerung aufgehoben, die Produzenten in Holland, Deutschland, Irland haben ihre Produktionsmengen darum noch gesteigert. Kurz: Die Milchmärkte werden derzeit geflutet. (Das stimmte bis im Frühjahr 2016. Aktuell beginnt sich das Angebot – endlich – leicht zu reduzieren. Die Produktion ist insgesamt gesehen leicht gesunken, die Preise sinken immerhin nicht mehr weiter, sondern beginnen, sich zu stabilisieren).

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Zweimal am Tag werden die Kühe gemolken. Der Bauer muss deshalb dafür sorgen, dass er am Morgen und am Abend genügend Zeit für seine Kühe hat. Vielen jungen Bauern ist dieser Aufwand zu gross – gerade bei tiefen Preisen. Sie satteln deshalb auf Mutterkuhhaltung um (Bild Daniel Espinoza).

 

Nische finden – oder billig(er) werden

Direkt davon betroffen sind die drei Bauern aber nicht. Und die drei Bio-Bauern sind eher noch besser dran, weil Bio-Milch mit durchschnittlich knapp 74 Rappen pro Kilo Milch abgegolten wird. Kollegen, die Industriemilch abliefern, können derzeit mit einem Milchpreis von durchschnittlich gerade 51 Rappen rechnen. Dass die Bauern die Preise verhandeln könnten, das ist Wunschdenken. Und auch das macht vielen Bauern sorgen. Denn alleine Emmi – der grösste Milchverarbeiter der Schweiz – verarbeitet etwa 1/3 der gesamtschweizerischen Milchmenge von rund 3,5 Mio Tonnen. Zusammen mit den drei nächstkleineren sind es etwa Vier Fünftel der Milch, die von vier Firmen verarbeitet werden. Und die vier – allen voran Emmi – bestimmen zu weiten Teilen, was im Markt läuft. Erstens entscheiden sie darüber, was aus der Milch werden soll und sie bestimmen über die Marge, die die Investoren erwarten, wie hoch der Milchpreis letztlich ausfällt. Wer es nicht packt bzw. nicht packen kann, so die Devise, würde besser umsatteln – auf einen anderen Betriebszweig oder ganz aufhören. Denn es gibt noch genug konkurrenzfähige Milchproduzenten, die zu tieferen Preisen liefern können. Solche zum Beispiel, die in Autobahnnähe sind. Diese haben bedeutend tiefere Transportkosten – nicht nur für die Milch sondern auch für den Zukauf von Futter und Stroh.

Milchproduktion verschwindet – nicht immer, aber öfter

So kommt es, dass bei fehlenden Verarbeitungsmöglichkeiten Betriebe im Berggebiet nach und nach auf graslandbasierte Milchproduktion verzichten und auf Mutterkuhhaltung umstellen. Oder ein paar Schafe halten, oder die Flächen ganz verpachten und einem Nebenerwerb nachgehen. Das mag aus ökonomischer Sicht sinnvoll sein. Verloren gehen aber Traditionen. Und das Wissen um den richtigen Umgang mit Tier und Umwelt. Es geht auch das Wissen um die richtige Verarbeitung verloren. Auch im Schanfigg steht es damit nicht zum Besten – viele junge Leute sind abgewandert und arbeiten im Unterland (ich eingeschlossen)

Bei uns ist die Betriebsnachfolge gesichert, aber ob später noch Milch produziert wird, ist offen. Zu ungewiss sind die Marktaussichten, zu unsicher die Prognosen. In diesem Umfeld in die gleiche Milchproduktion zu investieren, wie wir sie derzeit kennen, ist wie Roulette im Casino – die Chancen stehen 50:50, das man es übersteht. Oder abstürzt.

Allen Problemen zum Trotz: Milch ist, verantwortungsvoll produziert, ein wertvolles Produkt, dessen Verkauf auch in Randregionen ein Einkommen sichern kann. Nicht nur für die Bauern, sondern auch für Arbeitskräfte in den nachgelagerten Bereichen, in den Käsereien und den Dorfläden. Wird im Berggebiet weder Milch noch Fleisch produziert und verarbeitet, braucht es den Bauern nicht mehr – dann braucht es Landschaftsgärtner, die die Offenhaltung der Landschaft sicherstellen. Und stabile Handelsbeziehungen, um Milch und Milchprodukte aus dem Ausland importieren zu können.

Dieser Text wurde im Frühjahr 2015 geschrieben und am 1. August-Brunch auf dem Hof Alad veröffentlicht. Die Marktzahlen wurde angepasst, und die Zahl der Bauern von fünf auf drei reduziert. Derzeit sind es drei Landwirte, die ihre Milch direkt über die Sammelstelle abliefern. Zwei weitere haben andere Abholmodelle. 

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Die vollen Milchkannen werden in ein grosses Becken umgeleert, das an einer Wage hängt. Die gesamte Milch wird gewogen und anschliessend in den Tank befördert. Die leeren Milchkannen gereinigt und schliesslich wieder mit nach Hause genommen. (Bild Daniel Espinoza)

 

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