Viehausstellungen, wie ich sie kenne, sind beschauliche und einfache Anlässe. Als Kind durfte ich selbst Kälber im Ring vorführen und war stolz, wenns geklappt hat. Wenn Tier und Halfter-Halter wohlbehalten wieder draussen waren. Damals wusste ich nicht, dass Viehausstellungen nicht nur der Folklore, sondern auch der Viehzucht dienen. Und ich wusste auch nicht, dass Viehausstellungen für manche Züchter auch Sport sein können. In der Zwischenzeit weiss ich etwas besser…
Es ist Freitag. Draussen scheint die Frühlingssonne, im grossen Zelt sitzen Schulter an Schulter Viehzüchter, Viehzüchterinnen, Landwirte und Landwirtinnen, Männer, Frauen, Kinder. Aus den Boxen scheppert das berühmte Gitarrenriff von «Eye of the Tiger» der Band Survivor. Wie einst Filmboxer Rocky zum Song im Boxring stand, so stehen nun zehn Bauern mit ihren besten Kühen im Ring. Sie haben sich im Feld der 125 Züchter behauptet und den Finaleinzug geschafft. Ihre Arena ist ein Festzelt mit einer Tribüne, Sand am Boden und Kuhfladen-, Haarspray- und Zigarettenrauchduft in der Luft.
Das Publikum, Bauern und Bäuerinnen, Bauernfamilien mit ihren Kindern, alte Bauern, junge Bauern, ein paar Städter, ist elektrisiert. Zwar nicht so, wie wenn Weltstars wie Queen, AC/DC oder Madonna einen Auftritt geben würden. Aber so, wie man elektrisiert ist, wenn im Ring Kollegen und Bekannte mit ihrer besten Kuh stehen und auf das Verdikt des Richters warten.
Die Musik, das Gitarrenriff, gibt den Takt vor, in dem das Publikum klatscht. Der Richter läuft durch den Ring. Er hat sich kurz zuvor mit seinen zwei Kollegen abgesprochen und bleibt unvermittelt hinter einer schwarzen Holstein-Kuh stehen, legt die Hand auf die Lende. Das schöne Tier hört auf den Namen Lookout Viola, gehört Heinz und Reto Wüthrich aus dem bernischen Signau, und wird mit einem leichten Klaps auf den Hintern zur Siegerin ihrer Kategorie erkoren. Rassensiegerin nennt man das im Fachjargon. Die Zuschauer applaudieren, aus den Boxen scheppert für den Moment des Jubels «We are the Champions» von Queen. Der Applaus brandet durch das grosse Festzelt.
Wenige Augenblicke später ist die Musik kurz weg, bevor sich das Schauspiel wiederholt: Der Richter marschiert durch die Arena, im Kreis, zwischen den verschiedenen Tieren hindurch. Das Publikum klatscht im Takt mit Survivor’s Tigerauge und wartet gespannt auf das nächste richterliche Verdikt. Und so dauert es keine zehn Minuten, bis alle Rassensiegerinnen und auch die Miss Bea gekürt sind. Miss Bea, so heisst die schönste aller Kühe, die an der Eliteschau aufgeführt wird, die seit 31 Jahren immer am Rand der BEA in Bern stattfindet. Gewonnen hat den Titel dieses Jahr Roman Livia* von Hansueli Aebersold.
Kein Zweifel, Vieh(an)schauen ist eine bäuerliche Lieblingsbeschäftigung. Viehzucht, das sind auch Buben- und Mädchenträume gepaart mit gesteuertem Darwinismus. Die ambitionierten unter den Züchterinnen und Züchtern träumen davon, eines Tages die grosse, bekannte und wertvolle Zuchtfamilie zu besitzen, die für Ruhm und Ehre sorgt. Die weniger ambitionierten Züchter wollen einfach eine Kuh, die auf ihren Hof, ihre Wiesen und Weiden passt und dabei noch hilft, Lebensmittel zu produzieren.
Die Zuchtverbände definieren dabei die für die Zucht wünschenswerte Richtung. So hat ja jede Kuh eine obere Linie. Aber längst nicht jede Kuh hat eine gute obere Linie. Dasselbe gilt für Milchleistung, Klauengesundheit, Euter, und die anderen Zuchtmerkmale. Selbstverständlich kann jede Kuh in diesem System der Zuchtmerkmale verortet werden. Und das machen dann auch die Schaurichter an den Viehschauen. Sie beurteilen die Kühe anhand ihrer äusseren Merkmale. Die inneren Werte zählen zwar auch, aber nur am Rande.

Rein technisch betrachtet, sind die Vieh- und vor allem die Beständeschauen eigentlich nur eine Steuerung der natürlichen Evolution in der Tierhaltung. Da es sich bei den Kühen um Nutztiere handelt, legen Menschen fest, wie die Zucht und damit die Kuh der Zukunft aussehen will. Bei den Beständeschauen handelt es sich um Viehausstellungen im Sinne der Viehzucht. Diese Beständeschauen dienen der Zucht, werden in den verschiedenen Viehzuchtgenossenschaften durchgeführt und von den Zuchtverbänden überwacht. Die Resultate der Beständeschauen haben einen direkten Einfluss auf die Zuchtwerte der Kuh.
Demgegenüber sind die Viehschauen, wie ich versuche, den Begriff zu verwenden, eher mit einer Modeschau gleichzustellen. Bei den Viehschauen werden die Kühe hergerichtet, gestylt – mit Haarspray, Kamm, Schere, Schermaschine und manchmal etwas Glitzerstaub. Die Viehschauen sind ein Fenster für die Züchter, die dort nämlich ihre Tiere einem grösseren Publikum vorstellen können. Und das kann Ruf und Würden in der eigenen Zunft sehr wohl steigern.

Der technische Fortschritt macht dabei auch vor der Viehzucht nicht halt. Und so ist in der Viehzucht heute nicht mehr nur ein gutes Auge gefragt, sondern vor allem gute Rechenfähigkeiten. Viehzucht, das ist vor allem Datenmanagement und gezielte Datenanalyse. Denn seit den 1950er-Jahren hat man begonnen, die Daten der Milchleistungsprüfung gezielt zu erfassen. Die Milchleistungsprüfung, kurz MLP, prüft Eiweiss- und Fettgehalt der Milch und Milchmenge. Diese Daten werden zusammen mit den Klassierungen der Beständeschauen erfasst und regelmässig ausgewertet. Das Ziel: durch gezielte Datenanalyse jene Tiere herauszufiltern, die am meisten der Erreichung der Zuchtziele dienen können.
Die Zuchtziele haben sich dabei, wie auch die Landwirtschaft, in den letzten fünfzig Jahren sehr stark gewandelt. So war man noch bis zum zweiten Weltkrieg der Ansicht, dass Kühe sowohl als Zugtiere, wie auch als Milch- und Fleischlieferantinnen eingesetzt werden können müssen. Mit der Industrialisierung der Landwirtschaft fiel die Kuhnutzung als Zugtier weg. Gleichzeitig begann man, den Produktionsfaktor Tier in seine Einzelteile zu zerlegen: Die Kuh sollte entweder ganz viel Milch oder ganz viel Fleisch geben. Es gibt noch Zweinutzungsrassen, die sowohl Milch als auch Fleisch in vernünftiger Menge abwerfen können. Aber diese haben einen schweren Stand. Denn die Viehzucht im Milchviehbereich kennt vor allem eine Zielgrösse: Milchleistung – die übrigen, die Milchleistung bedingenden Faktoren wie Fruchtbarkeit, Klauengesundheit, etc. werden daran ausgerichtet.
Nun aber zurück, an die Berner Eliteschau und den freudenspringenden Viehzüchter. Die Berner Eliteschau ist eine Viehschau. Es geht dort nicht um die Zucht im eigentlichen Sinne. Sondern es geht um Sport, Wettbewerb. Natürlich kann, wer gewinnt, noch ein schönes Zubrot verdienen. Für die meisten aber sind die Viehschauen Ferien, die Zeit im Jahr, wo sie einmal nicht über die tiefen Preise, die unmögliche Agrarpolitik oder die schizophrene Gesellschaft, die Bio will und Aldi oder Lidl kauft, klagen mögen. Das gilt auch für die Beständeschauen.

Und zum Schluss noch dies:
- Blüemli ist nicht mehr
Die Kuhnamen an den Viehschauen sind auch nicht mehr das, was man sich gewohnt ist. So heissen die Schaukühe heute Roman Livia, oder Zingre-Thomi Absolute Flower oder Perren Senggi Pierolet Suleika.
Dabei gliedert sich der Name in der Regel in drei Teile: Präfix, Name des Vaters, Name des Tiers. Der Präfix gibt dem Züchter die erste Möglichkeit, seine Individualität zu betonen (Zingre-Thomi ist zum Beispiel der Nachname von Züchter Erich Zingre-Thomi aus Grund b. Gstaad BE). Der Name des Vaters dient vor allem der Einordnung in die Zuchtlinie, während der Kuhname das Tier mehr oder weniger eindeutig Identifiziert.
Viehzucht kurz erklärt, Super geschrieben. Dass die Ausstellungs Kuh nicht nur ein Rendite-Tier ist, sondern die Ferien der Familie, die neue Küche für die Bäuerin, den Sportwagen für den Vater ist, ja der Ruhm und die Ehre der Bauernfamilie bedeutet, ist mir schon lange aufgefallen.