„Never let go a good crisis to waste“ Diesen schlauen Satz soll Winston Churchill gesagt haben. Und diesen schlauen Satz habe ich in den letzten Wochen auch das eine oder andere mal bemüht; ich war dabei bei weitem nicht alleine.

Selbstversorgungsgrad sichern?

Aus aktuellem Anlass, und weil ich hier ja hin und wieder über landwirtschaftliche Themen schreibe, am deutlichsten aufgefallen ist mir das bei der Diskussion um den Selbstversorgungsgrad der Landwirtschaft. Die SVP fordert schon länger einen Selbstversorgungsgrad mit Lebensmitteln „von mindestens 60 Prozent“, der Schweizer Bauernverband will ein weiteres Absinken des Versorgungsgrades verhindern, legt sich aber nicht unbedingt auf eine Zahl fest. Aber das hindert den SBV nicht daran, die Botschaft zur Weiterentwicklung der Agrarpolitik 2022+ unter anderem mit Verweis auf den Selbstversorgungsgrad abzulehnen. Denn in der Botschaft auf Seite 205 steht dieser folgenschwere Satz: „Der Brutto-Selbstversorgungsgrad beträgt im Jahr 2025 bei einer konstant wachsenden Bevölkerung 52 Prozent gegenüber 56 Prozent im Referenzszenario.“

Weil die Landwirtschaft unter anderem „einen wesentlichen Beitrag zur sicheren Versorgung der Bevölkerung“ leisten soll (so steht es in der Bundesverfassung), sorgt der Rückgang des Selbstversorgungsgrad schon unter „normalen“ Bedingungen für Kopfschütteln. Jetzt, unter dem Eindruck der Corona-Krise, möchte manch ein Landwirt jeden einzelnen der sieben Bundesräte ob so einem Bericht schütteln und zur Räson bringen. Jetzt eine Politik zu fördern, die die „produzierenden Landwirtschaft“ benachteiligt, gehe nicht. Im Gegenteil, jetzt könne man endlich den KonsumentInnen einmal beweisen, wie wichtig die Schweizer Landwirtschaft sei. Nicht die Ballenberg-Landwirtschaft, sondern die echte, mit den Maschinen, dem leistungsfähigen Saatgut, den verantwortungsvollen LandwirtInnen. „Never let go a good crisis to waste“. Jetzt erst recht.

Der Schweizer Bauernverband stellte im Frühjahr 2020 die Leistungen der Landwirtschaft mit einer Informationskampagne in den Vordergrund. Dann kam unerwartet der Corona-Lockdown.

Zuerst zum Szenario in der Botschaft zur AP 22+: Grund für den tieferen Wert sind der prognostizierte Rückgang der pflanzlichen (-11%, Unter anderem aufgrund zusätzlicher Biodiversitätsförderflächen im Ackerbau und unter der Annahme, dass der Extenso-Getreideanbau zunimmt, der mit tieferen Hektarerträgen einhergeht) und tierischen (-3%) Kalorienproduktion und das Bevölkerungswachstum in der Schweiz. Ersteres ist eine Antwort auf die nach wie vor hängige Trinkwasser- und Pestizidverbotsinitiative, letzteres eine Entwicklung, die sich erst dann umkehren würde, wenn die Schweiz wieder das Armenhaus Europas würde.

Theoretische Grösse, die in der Realität stabil bleibt

Zum Selbstversorgungsgrad muss man wissen, dass es sich um eine theoretische Grösse handelt. Er wird vom Bundesamt für Landwirtschaft als das Verhältnis der Inlandproduktion zum inländischen Gesamtververbrauch definiert, wobei der Gesamtverbrauch anhand der Formel Produktion plus Import minus Exporte und Vorräteveränderungen berechnet werden kann. In der Debatte können zwei Selbstversorgungsgrade angewendet werden: Brutto oder Netto. Der Netto-Selbstversorgungsgrad ist tiefer, als der Brutto-Selbstversorgungsgrad. Beim Netto-Selbstversorgungsgrad wird die tierische Inlandproduktion um jenen Anteil reduziert, der mit importierten Futtermitteln hergestellt wird. Mit anderen Worten: Der Netto-Selbstversorgungsgrad berücksichtigt also die Tatsache, dass Produktion und Verarbeitung von Futtermitteln den inländischen Bedarf nicht decken können.

Wie die Zahlen im Agrarbericht 2019 zeigen, hat sich der Selbstversorgungsgrad in den letzten Jahren relativ stabil entwickelt, er liegt meist im Bereich zwischen 50 und 60 Prozent, lediglich 2016 tauchte der Netto-Selbstversorgungsgrad aufgrund schlechter Witterungsverhältnisse auf magere 48 Prozent.

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Der Selbstversorgungsgrad in der Schweiz.

Dieser über Jahre konstante Selbstversorgungsgrad ist unter zwei Aspekten als starke Leistung der Schweizer Landwirtschaft zu sehen: Erstens schrumpft die verfügbare Fläche (von 1,072 Mio ha im Jahr 2000 auf 1,045 Mio ha im Jahr 2018), zweitens ist in dieser Zeit die Bevölkerung in der Schweiz von 7,1 auf 8,5 Mio Menschen gestiegen.

Grossartige Leistungen anpassungsfähiger LandwirtInnen

Am trotzdem konstanten Selbstversorgungsgrad konnte nicht einmal die AP 2014-17 etwas ändern, die vor ihrer Einführung als Ökologisierungsvorlage verschrien und mit einem Referendum bekämpft wurde. Anders herum betrachtet: Die Landwirtschaft in der Schweiz – und mit ihr die LandwirtInnen sind anpassungsfähig und anpassungswillig und obendrein noch leistungsfähiger, als man denkt. Diese Anpassungsfähigkeit kann in den Modellrechnungen zum Selbstversorgungsgrad aber nicht abgebildet werden. So heisst es nämlich, dass „die technologische Entwicklung im Modell nur teilweise abgebildet ist und damit der Produktionsrückgang mit der AP22+ überschätzt wird.“

Die Diskussion um den rückläufigen Selbstversorgungsgrad ist vor diesem Hintergrund überzogen. Schliesslich geht es nur um ein paar Modellrechnungen. Und sie lässt ausser acht, dass sich die Landwirtschaft entwickelt und dass die LandwirtInnen sehr gut darin sind, Lösungen zu finden. Und sie lässt ausser acht, dass die Schweiz immer auf den Import von Nahrungsmitteln angewiesen sein dürfte – ausser, wir werden wieder zum Armenhaus Europas. Aber das scheint mir kein allzu attraktiver Weg zu sein.

Warum dieser Text?

Dieser Text entstand, weil ich mich genauer mit dem Selbstversorgungsgrad beschäftigen wollte und mir Schreiben oft zu etwas mehr Klarheit verhilft. Und weil ich über eine Deutsche Studie stolperte, wonach die KonsumentInnen sich während der Corona-Pandemie vor allem vor steigenden Lebensmittelpreisen fürchteten. Zunächst wollte ich die beiden Sphären verbinden. Aber beim Schreiben erschien es mir dann als wenig zielführend, alles miteinander zu verwursten. Deshalb „nur“ die Betrachtung zum Selbstversorgungsgrad.

Ein Kommentar zu „„Never let go a good crisis to waste“ oder: Corona, Agrarpolitik und Selbstversorgung

  1. Gut und verständlich geschriebener Blog. Vor allem die Auswirkungen des technischen und genetischen Fortschritts werden unterschätzt. Landwirte sind zwar gesellschaftspolitisch konservativ, sie sind immer offen für technische Fortschritte. Seien es genetisch bessere Züchtungen bei Nutztieren oder bei Nutzpflanzen.

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