Opendi Charles Owere ist Bauer und Vater von neun Kindern. Mit der Familie und ein paar Angestellten bewirtschaftet er 50 Acres – rund 20 Hektaren. Er hält Holsteinkühe, baut Saatreis und Saatbohnen an, ist mit zwei Frauen liiert und hat erst kürzlich sein neues Wohnhaus fertiggestellt. Der umtriebige Farmer ist ein Beispiel, wie die Transformation vom Kleinstbauern zum mittelgrossen landwirtschaftlichen Unternehmer vor sich geht.
Opendi ist so etwas wie ein Vorbild für John Sebutuyuyu und John Bavuga, für die Subsistenzbauern in ganz Uganda generell. Und John Hatega, der Agricultural Officer aus dem Südwesten Ugandas, sähe seine Annahme bestätigt, dass die Zukunft den Commercial Farmers gehört. „Die Subsistenzlandwirtschaft, wie wir sie hier heute kennen, wird über kurz oder lang verschwinden“, sagte er mir, während er Kartoffeln, Kürbis und etwas Hühnerbrühe auf seinen Löffel schaufelte. Für John ist es ausgemachte Sache, dass sich die Bauern stärker am Markt ausrichten, vermehrt auf „Cashcrops“ setzen und sich von der ursprünglichen Subsistenzlandwirtschaft verabschieden. „Die Regierung hat eine Kosten-Nutzen-Analyse durchgeführt – die Strategie ist demnach der richtige Weg für unsere Bauern und bringt mehr Chancen mit sich.“ Zwar blieb mir John die Erklärung schuldig, wie die Kostennutzenanalyse angefertigt wurde, dafür wurde einmal mehr klar, wie stark wirtschaftliches Denken die landwirtschaftliche Politik bestimmt. Kleinbauern, so das vereinfachte Credo, sollen nur die Kulturen anbauen, die einen hohen Preis am Markt erzielen können .Mit den höheren Umsätzen würde dann auch das Einkommen der Bauern erhöht werden, das sie dann zur Sicherung ihrer Ernährung wieder für andere Nahrungsmittel ausgeben sollen. So empfiehlt und fördert die Regierung die Haltung von Rindern und den Anbau von Cashcrops. Es gibt staatliche Unterstützung für Dünger und Pflanzenschutzmittel, für die Einführung von Holstein-Kühen. Ganz nüchtern betrachtet – oder so nüchtern wie man die Welternährung betrachten kann – setzt sich in weiten Teilen von Politik und Gesellschaft das Verständnis durch, dass sich auch die Landwirtschaft den komparativen Kostenvorteilen folgend spezialisieren soll. Und es gibt Bauern wie Opendi Charles Owere, die voller Tatendrang und Optimismus neue Ideen und Konzepte aufnehmen, ausprobieren, anpassen und weiterentwickeln.

„Letzte Woche haben ein paar Forscher aus Tansania einen neuen Versuch eingerichtet“, sagt Opendi, während wir unter ein paar Bäumen vor seinem neu gebauten Haus sitzen. Um uns herum weiden ein paar Holstein-Friesian Kälber und ein paar Ankole-Rinder. Der Versuch, den Forscher von der Sooine University of Agriculture in Morogoro durchführen, dreht sich nicht um Rinder, sondern um Ratten in Opendi’s Reisfeldern. „Wir wollen versuchen, die Ausbreitung von Schädlingen, Ratten und Feldmäusen, in meinen Reisfeldern zu kontrollieren“, erklärt mir Opendi. Später im Feld zeigt er mir, wie das geht: Mit einer Plasticplane wurde eine Parzelle rechteckig eingezäunt. An jeder Seite gibt es zwei Löcher, die als Eingang für die Schädlinge dienen. Doch die Verlockung für die Ratten und Mäuse täuscht, denn hinter dem Loch sind Fallen platziert – für die Mäuse gibt es dann kein Entkommen mehr. Bei den täglichen Kontrollen können Opendi und die Forscher festmachen, wie viele Mäuse den reifen Reis fressen wollen und wie hoch der Schädlingsdruck ist.
Der Anbau von Reissaatgut ist für Opendi ein gutes Geschäft – allerdings mit zahlreichen Auflagen verbunden. „Während dem Anbau werde ich von der Firma mehrmals besucht, mein Reis wird zertifiziert. Und erst wenn der Saatguthersteller sagt, dass mein Reis gut genug ist, kann ich ihn ernten“, erklärt er mir. Rund ein Drittel seiner Fläche nutzt er für den Anbau von Reis. Daneben baut er noch Bohnen und etwas Mais an – insgesamt nutzt er 20 Acres für Ackerbau. Die übrigen 30 Acres dienen als Weide für seine Kühe.
Hört man Reisanbau, denkt man zuerst an die pittoresken Bilder von Südostasien, wo Frauen mit ihren spitz zulaufenden, runden Strohhüten bis zu den Knien im Wasser stehen und Pflanze um Pflanze setzen oder ernten. Doch es gibt auch noch anderen Reis: sogenannte Upland-Varieties. Und diese Upland-Varieties wachsen ähnlich wie Weizen oder Mais nicht in einem gefluteten Feld sondern auf trockenem Boden. Seit 2006 baut Opendi Charles diese Reissorten auf seinen Feldern an. „Die Upland-Varieties benötigen weniger Wasser und sind weniger anfällig auf Trockenheit“, sagt Opendi. Zwar ist der Schädlings- und Krankheitsdruck höher, aber diesen Preis ist Opendi bereit zu zahlen. Denn das Wetter ist weniger vorhersehbar geworden, das Wasser seltener und damit knapper.
Das Wasser – es ist eines der Themen, das mich auf der ganzen Uganda-Reise begleitet. Während es im Südwesten des Landes genügend Wasser für eine profitable Landwirtschaft hat, ist das kühle Nass in den übrigen Gebieten knapp – der Mais auf den Feldern ist verdorrt, weil die Regenfälle ausgeblieben sind. Die Bohnen sind vertrocknet und die Preise für Tomaten, Zwiebeln, Mais, Bohnen, Früchte und Gemüse in den Städten steigen. Kurz: „Das Essen ist derzeit wieder zu knapp“, sagt Moses.
Auch für Opendi ist das Wasser eine grosse Herausforderung. „Wenn es nicht regnet, kann ich mein Geschäft nicht profitabel betreiben“, sagt er. Zwar steigen die Preise, allerdings macht der fehlende Regen auch die Erträge grösstenteils zunichte. Nur Opendi’s Brunnen sprudelt – mehr oder weniger jedenfalls. Den Brunnen hat er selbst angelegt, er wartet den Brunnen selbst; aber er teilt ihn auch mit seinen Nachbarn. „Die Regierung hat auch Brunnen angelegt; aber viele funktionieren nicht, weil sie nicht in Stand gehalten werden“, erklärt er seinen Alleingang. Doch auch bei seinem Brunnen steht die Pumpe manchmal still. „Wenn es sehr trocken ist, muss ich immer wieder warten, bis das Grundwasser nachfliesst – der Brunnen läuft vorübergehend trocken.“ Dreissig Minuten dauert es dann, bis er wieder Wasser für sich, seine Familie und die 45 Rinder, davon 18 Milchkühe, pumpen kann. Die Felder werden nicht bewässert, da Opendi keinen Zugang zu den Bauteilen für eine Bewässerungsanlage hat, wie er sagt.

Opendi zeigt auf seine Kühe. Und auf seinen Holstein-Stier, der im Bausch auf die nächsten Kühe wartet. Seit zwanzig Jahren hat Opendi zunehmend in die Holstein-Zucht investiert. Den Stier hält er nun für seine eigene Herde. „Aber ich lehne den Stier auch an meine Kollegen in der Umgebung aus“, fügt Opendi an. Unentgeltlich dürfen diese dann ihre Kühe mit dem Stier decken und so ihre eigene Zucht verbessern. Allerdings würden die Kollegen die fremde Genetik scheuen. „Es braucht viel Überzeugungsarbeit . Und Geduld. Denn vielen ist die Holstein-Kuh noch immer nicht vertraut“, erklärt Opendi. Das ist insofern problematisch, als dass die Holstein-Kühe anfälliger auf Zecken und andere Krankheiten sind. Gerade die kleinen Biester machen den Bauern in Uganda das Leben schwer – insbesondere, wenn sie nicht wissen, wie sie mit Zecken umgehen müssen. Opendi muss seine Kühe regelmässig mit einem Zeckengift einsprühen, damit seine Haltungsform funktioniert.
Zwar ist Opendi ein Spezialist für Viehzucht, Reisanbau, Bohnenanbau. Er ist aber nach wie vor in erster Linie daran interessiert, die Ernährung seiner Grossfamilie zu sichern. So wachsen hinter seinem Haus noch ein Paar Bananenbäume und Kürbisse. Während er das Saatgut und einen grossen Teil seiner Milch verkauft, bleibt immer genug für seine Familie zurück. Die eingangs erwähnte Spezialisierung hält sich damit in Grenzen – und das aus gutem Grund: Die Diversifizierung dient auch der Risikominimierung und macht das Leben von Opendi abwechslungsreicher.
Als wir von den Feldern zurückkommen, meint Opendi: „Ich hoffe, dass ich bald auf eine Studienreise gehen kann. Den Pass habe ich bereits.“ Eigentlich hätte er im letzten Herbst Uganda das erste Mal in seinem Leben verlassen sollen; allerdings wurde aus diesem Vorhaben nichts, die Regierung hat kurzfristig das Geld für die Reise gestrichen. Dass er dennoch immer wieder neue Dinge ausprobiert, seine Flächen für Forschungsprojekte zur Verfügung stellt, liegt an seinem Wunsch, mehr Menschen helfen zu können. Sein Vater sei gestorben, als er in der fünften Klasse gewesen sei, sagt er. Die einzige Person an deren Unterstützung er sich erinnern kann ist sein Bruder. Seit er den Betrieb mit den sieben Acres übernommen hat, hat er ihn kontinuierlich ausgebaut. Mit seinen beiden Frauen hat Opendi neun Kinder, die alle zur Schule gehen. Daneben hat er auch noch vier Neffen und Nichten die Schulgebühren finanziert – mindestens. So genau weiss er es auch nicht mehr. Allerdings hat er keine Zweifel, dass sie dereinst ein besseres Leben haben werden.